Lesetext zum Video-Gottesdienst von Bischöfin Dr. Beate Hofmann, Okuli 15.03.2020


Lied 369 Wer nur den lieben Gott

Liebe Schwestern und Brüder,

in diesen Tagen erleben wir eine ungewöhnliche Form von Passions- und Fastenzeit. Die Coronakrise zwingt uns zum „Kontaktfasten“. 7 Wochen ohne, diesmal 7 Wochen möglichst ohne soziale Begegnungen, damit Menschen vor Ansteckung durch das Coronavirus geschützt werden. Auch Gottesdienste und kirchliche Veranstaltungen werden deshalb weitgehend abgesagt.
Als EKKW werden wir darum in den nächsten Wochen neue Wege gehen und auch neue technische Möglichkeiten nutzen, um in Kontakt mit Ihnen zu bleiben, um Gottes Wort zu verkündigen und um Sorgenetze zu knüpfen, damit sich möglichst niemand allein und vergessen fühlen muss.
Darum wähle ich diesen Weg eines Videos, um Ihnen Gottes Wort für diesen
3. Sonntag in der Passionszeit auszulegen. Dieser Sonntag hat den schönen Namen „Okuli“, das heißt „Meine Augen“. „Meine Augen sehen stets auf den Herren“, ist das Leitwort für diesen Tag. Zu Gott aufsehen, das ist etwas, das mir in diesen schwierigen Tagen Kraft gibt. In Gottes Wort finde ich Trost und Wegweisung.
Auch das Evangelium für diesen Sonntag will solche Wegzehrung sein. Es steht im Lukasevangelium, Kapitel 9, Vers 57-62. Es geht darin um den Ernst oder auch die Unbedingtheit von Nachfolge. Was da gesagt ist, klingt erst einmal nicht nach Trost und Zuspruch. Es wirkt eher wie eine Zurückweisung, wie eine „soziale Distanzierung“, die wir in diesen Tagen ja einüben sollen. Da heißt es:

57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. 59 Und Jesus sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 60 Jesus aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! 61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. 62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Irritierend finde ich das, was Jesus da sagt. Wer Jesus nachfolgen will, der hat kein Zuhause mehr, der hat keine Familienbindungen mehr und der hat keine Zeit mehr, sich von seinem alten Leben zu verabschieden.
Radikal ist das, verstörend und unerbittlich. Es rührt damit an das Gefühl, das viele von uns in diesen Tagen haben. Von einem Tag auf den anderen hat sich unser öffentliches und soziales Leben verändert. Radikal ist auch das, verstörend und unerbittlich. Doch die angeordneten Maßnahmen dienen dazu, Menschen vor Ansteckung durch das Coronavirus zu schützen und das Gesundheitssystem funktionsfähig zu halten. Sie wollen nicht Leben zerstören, sondern Leben schützen.
Den Anordnungen zu folgen, ist darum aus meiner Sicht Ausdruck von
Verantwortung für die Gesundheit und das Leben anderer. Es ist eine Form von Nächstenliebe und damit ein Weg, in diesen Tagen Nachfolge zu leben. Manches darin wird schwerfallen, manche Absage von Besuchen oder Veranstaltungen tut weh, manche Begegnung wird fehlen.
Aber es ist wie in der Nachfolge auch: Wir geben etwas auf und wir gewinnen etwas:
Neue Erfahrungen und neue Formen der Gemeinschaft. Wir werden in den nächsten Wochen neue Formen des Kontaktes, auch der Sorge füreinander suchen müssen: per Telefon, über das Internet und in unseren Familien und Nachbarschaften.
Auch wir als Kirche und als christliche Gemeinden sind da gefordert. Und darum bitte ich Sie, bleiben Sie über Telefon oder Internet in Kontakt mit denen in Ihrer Nachbarschaft, die niemand haben, der für sie einkauft oder den Arzt holt. Helfen Sie so denen, die am Alleinsein und am Zuhause bleiben leiden.
Die Coronakrise nimmt uns aber nicht nur Begegnungsmöglichkeiten, sie gibt uns auch mehr Zeit als sonst, weil vieles, was bisher zu unserem Leben gehört, nicht stattfinden kann. Das schafft Raum für neue Erfahrungen, Zeit für Besinnung, Zeit für Gebet, Zeit für das Nachdenken über das, was wirklich wichtig ist im Leben. Genau das ist eigentlich der Sinn von Fastenzeit als Zeit, in der „weniger mehr wird“. So lese ich auch Jesu radikale Aufforderung: „Lass die Toten ihre Toten begraben, du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes“.

Das ist keine Aufforderung, Menschen unbestattet zu lassen, ganz im Gegenteil.
Tote zu bestatten gehört zu unserem Leben und Glauben. Jesu Wort ist vielmehr eine Aufforderung, Prioritäten zu setzen und sich klar zu werden, was wirklich wichtig ist im Leben und im Glauben.
Die radikalen Worte Jesu zeigen: es gibt nicht ein bisschen Nachfolge und nicht ein bisschen Glaube. Glauben ist eine Lebensform, die das ganze Leben umfasst. Was das konkret bedeutet, und welche Folgen es für das eigene Leben hat, das ist auch in den biblischen Geschichten unterschiedlich. Nicht jeder wird von Jesus in so radikaler Weise aus seinem bisherigen Leben gerissen wie die Menschen im Predigttext aus dem Lukasevangelium. Vielmehr fordert Jesus die Menschen heraus,
die neugierig auf ihn und seine Botschaft sind. Er will, dass wir herausfinden, woran unser Herz hängt und was wirklich wichtig ist für sie.
Ist der reiche Jüngling bereit, seine Güter zu verkaufen, um Jesus nachzufolgen?
Sind andere bereit, das Gewohnte hinter sich zu lassen und sich auf ganz neue Wege einzulassen? Bin ich bereit, nur auf Gottes Ruf zu hören und nicht auf andere Interessen? Bin ich bereit, verantwortlich zu handeln, bin ich bereit, zu erkunden, was Gott mir in diesen Wochen für mein Leben sagen will?
Die nächsten Tage und Wochen werden uns Gelegenheit bieten, über solche Fragen nachzudenken. Wir werden erproben, wie es sich anfühlt, Gewohntes hinter sich zu lassen – um der Liebe willen, um der Verantwortung für uns und andere willen.
Das ist auch eine Gelegenheit, Gottes Wort mehr Raum im eigenen Leben zu geben, in der Bibel zu lesen, zu beten, still zu werden und zu hören auf das, was Gott von uns will in diesen Zeiten.
Für diesen herausfordernden Weg der Nachfolge in dieser Zeit des Fastens wünsche ich Ihnen Kraft, Liebe und Besonnenheit. Und der Friede Gottes, der weiter ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Lied 395 Vertraut den neuen Wegen

Lebendiger Gott,
wir bitten dich für alle Menschen, die in diesen Tagen von Sorgen und Angst gequält sind, sei du ihnen nahe, schenk ihnen Gelassenheit und Vertrauen auf dich.
Wir bitten dich für alle, die unter Einsamkeit leiden, weil sie zuhause bleiben müssen und keiner zu Besuch kommt; schenk ihnen Menschen, die auf andere Weise zeigen, dass sie da sind und sich kümmern. Wir bitten dich für alle, die krank sind, behüte und begleite sie, sei ihnen nahe in
schwierigen Momenten und stärke sie im Ringen um ihre Gesundheit.
Wir bitte dich für alle, die sich um Kranke kümmern, gib ihnen Kraft für ihren Dienst und bewahre sie vor Ansteckung. Wir bitten dich für alle, die Verantwortung tragen und jetzt schwierige Entscheidungen treffen müssen, schenk ihnen Besonnenheit, Augenmaß und Mut.
Gott, wir bitten dich auch für alle, die jetzt nicht in einem sicheren Zuhause und gut versorgt sind, die auf der Flucht sind oder auf der Straße leben, die keine Krankenversicherung oder keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Hilf uns, sie und ihr Leiden nicht zu vergessen und lass uns Wege zur Hilfe für sie finden.
Gott, du bewahrst uns im Leben und im Sterben, dir vertrauen wir uns und unsere Lieben an. Bleibe bei uns. Amen.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Gott segne dich und behüte dich,
Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir
und sei dir gnädig,
Gott erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

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