Video- & Lese-Gottesdienst ‚Palmsonntag‘ 05.04.2020 Propst Helmut Wöllenstein


YouTube-Video der EKKW:
Videoandacht von Propst Helmut Wöllenstein, >>Palmsonntag<<,
den 5. April 2020



Nachfolgend zum Online-Lesen: Textvorlage der Videoandacht von Propst Helmut Wöllenstein, Palmsonntag, 5. April 2020

Evangelisches Gesangbuch Nummer 91: Herr stärke mich, dein Leiden zu bedenken.

Der Friede Gottes sei mit euch allen. Amen
Ich begrüße Sie herzlich zur Andacht aus dem Haus der Kirche. Heute ist Palmsonntag.
Die Osterwoche fängt an. Es sind Ferien, schönes Wetter, doch alles ist anders als sonst. Keine Besuche, keine Urlaubsreisen, kein Einkaufsbummel in der Stadt. – Manche finden das gut. Andere würden jetzt viel lieber ertragen, was sie sonst eher nervt: im Stau stehen oder Parkplätze suchen.
Doch wir haben Geduld. Und wir gehen behutsam mit dieser kostbaren Ressource um. Und hören im Hintergrund das Ticken der Corona Uhr:
Wie geht es weiter, was kommt als Nächstes?

Damit sind wir nah an der biblischen Geschichte für diesen Sonntag. Die Karwoche beginnt. Jesus macht sich auf einen schweren Weg, Ein Freund verrät ihn, andere lassen ihn im Stich. Er ist allein, hat Angst. Er hadert mit Gott und fühlt sich am Ende sogar von ihm verlassen.

Dabei sieht es kurz vorher noch ganz anders aus, wie uns das Evangelium von Palmsonntag erzählt. Er zieht in Jerusalem ein. Viele Menschen freuen sich und gehen ihm entgegen. Sie rufen: „Hosianna! Willkommen!“ Manche legen Palmzweige auf den Weg, so wie bei einem Staatsempfang der rote Teppich ausgerollt wird. Einer steckt den anderen an mit Freude und Begeisterung: „Los komm, mach mit. Hast du nicht gehört, dass er Kranke heilen kann? Und wo er predigt, wird es ganz still. Die Leute hören zu, sie gehen anders nach Hause als sie gekommen sind. Sie haben wieder Mut. Der könnte unsere Rettung sein, sogar unser König. Sieh mal, da kommt er. Hosianna.

  • Aber was ist das denn? Er reitet ja auf einem Esel. Das kann doch wahr nicht sein. Warum leiht er sich nicht ein schönes Pferd? Wie peinlich – hat er sich das denn nicht klar gemacht?“

Doch, das hat er sich klar gemacht. Der Esel ist sein Zeichen. Jesus kommt auf einem Lasttier. Anders als die Herrscher sonst. Ihm geht es nicht um Glanz, nicht um Herrschaft von oben runter. Ob das die Menschen verstehen? Die Hilfe kommt von einem, der nicht über den Dingen steht, sondern der sie geduldig auf sich nimmt.

Ich bin ehrlich gesagt überrascht von uns als Gesellschaft. So wie wir jetzt zusammenhalten und uns nicht spalten lassen. Natürlich jubelt niemand über die Maßnahmen, die die Viren stoppen, weil sie uns alle stoppen. Ich bin kein Anhänger der Fankultur, die sonst bei uns so lebendig ist. Ich bin eher skeptisch, wenn viele brüllen oder in eine Richtung laufen und man nicht weiß, ob sie morgen ganz schnell ihre Richtung ändern, heute das „Hosianna“ rufen und morgen das „Kreuzige ihn“. Aber im Moment erlebe ich uns anders. Mit einer neuen Art von Herdengefühl.
Ich hoffe, das ist mehr als eine Stimmung. Mehr als Angst oder freundliche Gefühligkeit. Um zusammenzustehen braucht es klare Regeln. Und sie funktionieren besser, wenn jede und jeder einzelne sie kennt und mitträgt.

Damit sind wir wieder bei dem, der auf dem Esel daher kommt. Und bei all den anderen, die jetzt etwas durchtragen. Wissenschaftler zum Beispiel, die gut Bescheid wissen und doch immer genau hinschauen, was morgen wieder anders sein kann. Politikerinnen, die viel Verantwortung tragen mit ihren Entscheidungen, gerade wenn sie hart sind und uns viel abverlangen. Oder die inzwischen berühmten Heldinnen und Helden des Alltags, die wir sonst kaum im Blick haben: Busfahrer, Künstlerinnen, kleine Geschäftsleute, Friseurinnen. Oder auch wir selbst: Wo können wir andere unterstützen? Was trage ich? Was tragen Sie?

Nicht die Streitrösser haben jetzt Konjunktur, die mit ihren Scheuklappen vorwärts stürmen und andere niedertrampeln. Nicht die Turnierpferde, die auf ihre Show dressiert sind. Esel sind gefragt. Ihr Charakter. Sich einfach nicht aus dem Tritt bringen lassen, weder bergauf und noch bergab. Routine durchhalten. Kleine Schritte. Den Alltag stemmen. Und dann auch mal stehen bleiben, so wie Esel das tun. Wenn’s einfach nicht mehr geht. Pause machen, bevor die letzte Kraft weg ist. Am liebsten alles abwerfen wollen – und dann doch wieder starten.

Jesus kommt auf einem Esel. So will er tragen und stützen. So geht er in diese Woche. Sie wird nicht leicht für ihn. Aber die Menschen heißen ihn willkommen. Sie legen weiche Mäntel auf einen steinigen Weg. Damit die Last und der Druck weniger werden. Und sie sagen damit zugleich: Respekt dem, der das alles mit uns trägt.

Ich habe einen Buchsbaumzweig dabei, nach altem Brauch für den Palmsonntag. Den lege ich hier im Haus der Kirche auf den Altar. Als ein Zeichen: Lasst ihn ein ins Haus der Kirche, den Eselreiter, den Lastenträger. Vielleicht haben Sie auch Lust, heute solche Zweige zu sammeln bei einem Spaziergang und sie zuhause aufzustellen. Oder noch schöner, sie jemandem zu bringen, von dem Sie wissen: Er hat viel zu tragen. Sie hat viel Arbeit, ist einsam, hat Sorgen.
Mit einer kleinen Karte oder einem Wunsch, der deutlich macht: Respekt, Du Lastenträgerin. Ich grüße dich, bleib behütet im Namen Jesu.

Choral Evangelisches Gesangbuch Nummer 545: Wir gehn hinauf nach Jerusalem


Fürbitten:
Gott, wir gehen in diese stille Woche mit dir, und du gehst mit uns.
Du trägst mit uns das Schwere, und wir tragen es wie Jesus.

Wir klagen dir das Leid der Millionen Kranken auf der Welt,
wir hören aus den USA, Spanien, Italien – was ist in den anderen Ländern?
Wir trauern über die Masse der Toten.
Wir bitten dich, Gott, lass deine Welt nicht im Chaos versinken.

Mit denen, die Angst haben bitten wir,
die ihre Einsamkeit kaum noch ertragen,
die keinen Besuch mehr bekommen
und die ihre Lieben nicht mehr besuchen dürfen.
Mit denen, die um ihre Existenz bangen.
Die sich streiten in den Familien, die Gewalt erfahren.
Gott greif ein, gib Schutz und gib Halt.

Und die, die sich um andere kümmern bis zum Letzten,
die entscheiden müssen, die tun, was sie können, treu ohne Aufhebens,
Versorge sie mit dem, was sie brauchen,
was wir alle brauchen: Mut, Gelassenheit, neue Kraft jeden Tag,
einen Blick für das Schöne zwischendurch.
Wir vertrauen auf Dich.


Vaterunser:
Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie
im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen:
Geht in diesen Tag und in diese besondere Zeit mit Gottes Segen.
Der Herr segne dich und behüte dich
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen

Musik: Cesar Bresgen: Postludium zur Passion