Video- & Lese-Gottesdienst ‚Ostersonntag‘ 12.04.2020 Studienleiter Thomas Hof und Pfarrer Lars Hillebold


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Video-Andacht von Studienleiter Thomas Hof und Pfarrer Lars Hillebold zu Ostersonntag, 12. April 2020



Text der Video-Andacht von Studienleiter Thomas Hof und Pfarrer Lars Hillebold zu Ostersonntag, 12. April 2020

Text der Osterpredigt 2020 zu Lukas 24, 13-35 aus St. Martin, Kassel


13 Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig
Stadien entfernt; dessen Name ist Emmaus. 14 Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten.

Ich kann dir Geschichten erzählen aus den vergangenen Wochen. Und Sie könnten das auch. Da gibt es so herrlich humorvolles: „Herr Hof, Sie müssen in Quarantäne. Sie haben zwei Möglichkeiten. Sie können also wählen: a oder b.“ „a oder b?“ „Genau, a oder b.“ „Ok.“ „Möglichkeit a ist: Sie bleiben auch die nächsten beiden Wochen zu Hause mit Ihrer Frau und den Kindern oder b wäre…“ „Ich nehme b!“.

Und es gibt ganz andere Geschichten. In denen kann keiner wählen. Da ist das Altenheim in der Region, in dem die Hälfte der Pflegekräfte erkrankt. Die können nicht mehr pflegen. Wer wird dann helfen? Ich habe Bilder italienischer Todesanzeigen aus einem Ort bei Bergamo vor Augen.
Die hängen da immer ausgedruckt an alten Holztüren im Ort. Letztes Jahr hingen dort bis April 18 Anzeigen. Dieses Jahr hängen an der gleichen Tür 144. Ich kann die Tür gar nicht mehr sehen. Alles ist zugehängt. Manches aber habe ich auch nicht mehr sehen können in den letzten Wochen: die
Flüchtlingslager in Griechenland.

15 Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. 16 Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. 17 Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen.

Wie viele von uns sind in den letzten Tagen manches an Kilometern spazieren gegangen. Was gibt es für schöne Hinterhöfe in unserer Stadt. Ich habe meine Welt anders gesehen. Welt anders. Und doch sind meine Augen gehalten. Ich erkenne noch nicht, wie es sicher weitergehen wird. Steht die Hilfe neben mir oder ist gar nichts mehr sicher?

Da fragt einer erst: Was ist eigentlich los? Das wissen wir alle. Aber ich werde gefragt. Es ist nämlich anders für mich als für Dich und für Sie. Es sind meine vier Wände, die ich besser kennengelernt habe als je zuvor. Ich kenne inzwischen jeden Riss an der Decke, die mir auf den Kopf fällt. Und ich werde gerne gefragt: Was sind das für Dinge, die es Dir jetzt leicht machen und eben schwer?

Es ist ein Abschied von einer gewohnten Freiheit. Das geht eine Weile ganz gut. Dann kommt aber auch mal Wut. Dann kommt die Angst vor der Zukunft. Und kommt nach Wut wirklich Mut? Bleibe ich stehen oder geht’s weiter?

18 Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? 19 Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk; 20 wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. 21 Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist.

Immerhin: Sie sind zu zweit. Die kleinste mögliche Gemeinschaft. Sie redet von dem, woran sie geglaubt hat. Das muss ja gar nicht sofort ein Gott sein. Das kann eine Idee sein. Das kann auch nur trügerischer Glaube sein, dass es immer so weiter geht, wie es war. Dabei können Hoffnungen innerhalb von Sekunden zerbrechen. Vorbei, was eben noch funktionierte. Alle Buchungen gestrichen. Termine aus Kalendern gelöscht. Pläne in Luft aufgelöst.

Was uns gerade räumlich trennt und auf Abstand halten lässt, zeigt doch zugleich, was uns verbindet. Wir sind wir über alle Grenzen und Nationen hinweg: verletzliche Menschen. Man kann unsere ach so sichere Welt ziemlich schnell runterfahren. Wir sind auf uns selbst zurückgeworfen. Auf das, woran unser Herz hängt. Wichtiges wird von Unwichtigem unterschieden. Nächstenliebe bekommt viele Gesichter. Je mehr wir wieder zum Lachen bringen, umso kleiner wird der Schrecken für alle.

22 Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, 23 haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. 24 Und einige von denen, die mit uns waren, gingen hin zum Grab und fanden’s so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht.

Ich sehe es auch noch nicht, wann wir uns wieder treffen. Nicht nur zu zweit. Sondern zu viert Doppelkopf spielen. Mit Elf in der Mannschaft und mit Tausend im Stadion. Ihre Kinder im Kindergarten und meine in der Schule. Dass Jugendliche sich freuen, Lehrer wiederzusehen. Wer hätte es gedacht?
Dass wir Kollegen vermissen, die wir als anstrengend erleben. Das ist einfach schön und zum Schmunzeln. Dass ein altmodisches „Guten Tag“ auf der Straße ganz neu klingen wird, einfach weil die Straße so erschreckend leer war in der letzten Zeit. Dass eine Welt neu zusammensteht, um sich
selber zu schützen und um die Schöpfung zu bewahren. Ob das so wird?

25 Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! 26 Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? 27 Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war. 28 Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. 29 Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. 30 Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen.

Es ist das seltsamste Ostern, das ich mir vorstellen kann. Weihnachten wäre vielleicht noch schlimmer – so ohne ein Wiedersehen. Aber ich merke, wie alles, was gerade geschieht meinem Glauben an Gott ganz ähnlich ist. Ich fühle mich vernetzt mit Menschen und Mächten, die ich nicht sehen kann. Ich bin wunderbar geborgen und erfahre Trost. Ich weiß aber nicht, was kommen mag. Manche singen am Abend auf dem Balkon und bitten am Morgen für den neuen Tag, und wieder für starke Nerven und entspannte Kinder. Manche haben Kerzen angezündet, gegen die Dunkelheit. Gegen die Angst. Und für die Kranken. Es sind so viele Zeichen und leuchtende Ideen, wie wir einander helfen und uns unterstützen; so ein Osterlicht scheint in der Nacht und für uns heute Morgen.

31 Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. 32 Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?

Es liegt offen vor uns, was wir sehen und entdecken. Das Herz vieler Menschen wird neu für ein Miteinander feiern und voneinander lernen und füreinander helfen. Ob es wird? Ich weiß es nicht. Die beiden auf dem Weg nach Emmaus fragen sich, ob das alles wirklich wird und sein kann. Ein auferstandener Mensch? Sohn Gottes? Nach dem Tod geht es weiter?

Wir stehen vor einer Entscheidung: Wie gehe ich weiter mit dem Mut, neu aufzustehen? Mit neuen Inhalten? Mit einem auferweckten Glauben daran, was uns Menschen verbindet? Wir werden unseren Glauben, unsere Liebe und unsere Hoffnung zeigen. Auf den Spaziergängen mit den Menschen und in den Hinterhöfen, die voller Geheimnisse sind und in den Chaträumen, die uns noch fremd scheinen.

Wir teilen Brot und Wein, jetzt am Küchentisch. In allem was uns stärkt. Wir hören und warten, wir glauben und hoffen: Wenn alles am Ende scheint und zusammenzubrechen droht, wenn wir nicht wissen, wann es wie weitergeht; dann erzählen wir diese Ostergeschichte Gottes mit dem Menschen, der vom Tode aufersteht. Und dann werden wir sagen: Der Herr ist auferstanden. Und andere werden antworten: Er ist wahrhaftig auferstanden.

Ob Sie das gerade mitgesprochen haben? Was wir nach Ostern sagen werden, weiß ich nicht. Wir haben Möglichkeiten zu wählen: a und b und weitaus mehr. Wo schlägt Ihr Herz und wofür brennt es?

Was ich weiß ist, wie die beiden Jünger geantwortet haben, nachdem sie Jesus sahen und er verschwunden war:

33 Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; 34 die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen. 35 Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, da er das Brot brach.