Lesepredigt_Ostersonntag_04.04.21 Pfarrer Jonathan Stubinitzky


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Lesepredigt_Ostersonntag_04.04.21

Wir lesen die Ostergeschichte wie sie Paulus aufgeschrieben hat für die Gemeinde in Korinth:

1.Korinther 15,1-11  1 Ich erinnere euch aber, Brüder und Schwestern, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, 2 durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr’s so festhaltet, wie ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr’s umsonst geglaubt hättet. 3 Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; 4 und dass er begraben worden ist; und dass er auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift; 5 und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. 6 Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. 7 Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. 8 Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. 9 Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. 10 Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist. 11 Ob nun ich oder jene: So predigen wir, und so habt ihr geglaubt.

Textquelle: https://www.bibleserver.com/LUT/1.Korinther15

Halleluja!

Predigt in Auszügen über Exodus 14,8–14.19–23.28–30–15,20–21

8 Und der HERR verstockte das Herz des Pharao, des Königs von Ägypten, dass er den Israeliten nachjagte. Aber die Israeliten waren mit erhobener Hand ausgezogen. 9 Und die Ägypter jagten ihnen nach, alle Rosse und Wagen des Pharao und seine Reiter und das ganze Heer des Pharao, und holten sie ein, als sie am Meer bei Pi-Hahirot vor Baal-Zefon lagerten. 10 Und als der Pharao nahe herankam, hoben die Israeliten ihre Augen auf, und siehe, die Ägypter zogen hinter ihnen her. Und sie fürchteten sich sehr und schrien zu dem HERRN 11 und sprachen zu Mose: Waren nicht Gräber in Ägypten, dass du uns wegführen musstest, damit wir in der Wüste sterben? Warum hast du uns das angetan, dass du uns aus Ägypten geführt hast? 12 Haben wir’s dir nicht schon in Ägypten gesagt: Lass uns in Ruhe, wir wollen den Ägyptern dienen? Es wäre besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben. 13 Da sprach Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wiedersehen. 14 Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.

19 Da erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heer Israels herzog, und stellte sich hinter sie. Und die Wolkensäule vor ihnen erhob sich und trat hinter sie 20 und kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels. Und dort war die Wolke finster und hier erleuchtete sie die Nacht, und so kamen die Heere die ganze Nacht einander nicht näher. 21 Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der HERR zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und machte das Meer trocken, und die Wasser teilten sich. 22 Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. 23 Und die Ägypter folgten und zogen hinein ihnen nach, alle Rosse des Pharao, seine Wagen und Reiter, mitten ins Meer.

28 Und das Wasser kam wieder und bedeckte Wagen und Reiter, das ganze Heer des Pharao, das ihnen nachgefolgt war ins Meer, sodass nicht einer von ihnen übrig blieb. 29 Aber die Israeliten gingen trocken mitten durchs Meer, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. 30 So errettete der HERR an jenem Tage Israel aus der Ägypter Hand. Und sie sahen die Ägypter tot am Ufer des Meeres liegen.

20 Da nahm Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, eine Pauke in ihre Hand, und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen. 21 Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt.

Liebe Schwestern und Brüder am Heiligen Osterfest,

auch wir sind auf der Flucht. Damit meine ich heute nicht so sehr die vielen – in Booten, in Lagern oder vor irgendwelchen Grenzzäunen müssen sie ausharren, ohne Wasser und Brot, ohne Bildung und Arbeit, ohne Zukunft und am Rande ihrer Kräfte. Das ist ein eigenes Kapitel – und was für eins! Doch ich meine heute schon eher diejenigen, die jetzt vor irgendwelchen innereuropäischen Grenzen hängen. Die die Ware nicht abliefern können, und andere, die jede noch so kleine Lockerung nutzen, um ihre Freizeit woanders zu verbringen, und dann dort festsitzen. Vor allem meine ich die, die für den Weg zur Arbeit ins benachbarte Thüringen zeitweise wiedermal Passierscheine gebraucht haben, und für die Nacht in manchen Landkreisen draußen einen triftigen Grund: Ausnahmegenehmigung. Doch auch und gerade Sie meine ich, die Zuhausegebliebenen.

Sie, ich, wir alle, wir sind auf der Flucht. Vor Mutanten nämlich, solange kein Kraut dagegen gewachsen ist und kein anderes Heilmittel da ist als gewisse Ampullen, und das auch nur im Vorhinein, nicht wenn’s passiert ist; wenn die Infektion noch nicht zugeschlagen hat, wenn das Leben noch nicht das eigene Opfer bringt, wenn die Nebenwirkungen noch nicht da sind, wenn die zweite Infektion noch keinen schlimmeren Verlauf mit sich bringt, wenn die lebenslangen Folgen einen noch nicht im Spiegel ansehen.

Vor all diesen Schrecken sind wir auf der Flucht, und zwar seit 13 Monaten.

Wir haben eine alte und wohlvertraute Gesellschaft fluchtartig verlassen müssen. „O wäre es doch wieder wie früher!“ – Kennen Sie diesen Gedanken bei sich? Unseren alten Lebensstil mögen wir uns noch so sehr zurückwünschen; aber er hat eine Gefahr, und die verfolgt uns – auf unserer Flucht. Also müssen wir sie fliehen, Gruppen und Ansammlungen wie wir sie von früher kannten, vor der großen und traditionsreichen Gemeinschaft, weil überall da die Gefahr lauert. – Außer wir sind selbst lebensmüde oder wollen Strafen kassieren.

Wer jetzt fatalerweise die Not nicht wahrhaben will und illegale Partys organisiert, flieht nicht, aber muss dann auch mit den Konsequenzen leben – und womöglich sterben.

„Wäre es nur verhindert worden! Dann wäre noch alles so wie früher. Ohne Flucht.“ Und manch Gläubiger wird sich fragen: „Warum wollte Gott das so, wo er doch der einzige ist, dessen Macht steht, der nicht auf der Flucht ist, dem die ganze Virus-Flut nicht schaden kann?“, und das an Ostern, dem Fest der eigentlichen Christenfreude.

Die Sache stinkt langsam: Denen, die sich immer wieder arrangieren, in der Betreuung zuhause, in der Notbesetzung in Betrieben, im unbezahlten Urlaub, in Kurzarbeit, im Harren auf Hilfen von oben, die doch nur wie der Tropfen auf den heißen Stein wirken. Zwischendurch mehrt sich der Ruf: „Hätten wir bloß …!“

Abendmahl und Osterfrühstück? – „Machen wir nächstes Jahr!“ Das höre und sage ich jetzt schon zum zweiten Mal; und ich kann es nicht mehr hören. Die Sache stinkt auch mir langsam.

*****

Doch der Stein ist weg, liebe Gemeinde. Und zum lebendigen Gott hin brauchen wir keine Ausnahmegenehmigung und keinen Passierschein. Wir brauchen nicht einmal fragen, welche Rolle wir in der ‚alten Konsumgesellschaft‘ gespielt haben, was wir womöglich durch Reisen auf dem Gewissen haben, welchen Anteil wir haben an der Verbreitung der Seuche.

Mit der Botschaft von Ostern halten wir den Freibrief in der Hand, der uns freimacht von allen Gefahren unseres früheren Lebens. Wir haben wirklich keinen Grund, uns alte Zeiten zurückzuwünschen!

Die heilige Schrift belegt’s, was war; Paulus schreibt davon – und sie berichtet glaubwürdig, dass diese Flucht ein Aufbruch ist. Mit uns fängt was Neues an. So ist sie die frohe Botschaft der Kirche, die an diesem Tag seit bald 2000 Jahren – nicht den Erdkreis verseucht, sondern durchzieht, und im zweiten Jahr begleitet sie uns besonders, gerade wo wir noch auf der Flucht sind vor den Gefahren, statt in die Nachfolge Jesu Christi aufbrechen. Wir sind es, die dem Auferstandenen noch nicht mit eigenen Augen begegnet sind, aber die Paulus reden hören:

„[E]r [ist] auferweckt worden […] am dritten Tage nach der Schrift; […] gesehen worden […] von Kephas, danach von den Zwölfen[,] […] von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von mir […] gesehen worden.“

Der Gott war‘s, der seinen Engel vor Israel hat herziehen lassen, damals im Schilfmeer und in der Wüste. Der Gott, der sich hinter sie gestellt hat, in aller Not und Gefahr, der hat ihnen die Nacht zum hellen Tag erleuchtet, aber die Feinde in tiefe Finsternis getaucht. Der Gott war’s, der seinen Sohn von den Toten auferweckt hat, damit er neben uns steht Tag für Tag, nachts sowieso. Er geht auf Schritt und Tritt mit, bei jedem schweren Gang, und wenn’s der Weg ins Krankenhaus ist, legt er uns Gottes mächtige Hände auf.

Gottes Sohn an unserer Seite – was für ein Heil lässt er besonders die sehen, die in diesen Tagen angeschlossen sind an Maschinen und Schläuche und sich sagen: „‚Entschlafen‘ müssen wir alle mal, aber warum gerade so?“

Gottes Sohn an unserer Seite – was für ein Heil lässt er besonders die sehen, die sich fragen: Warum dieses Durcheinander mit Impflieferungen? Warum kein besseres Konzept?

Gottes Sohn an unserer Seite – was für ein Heil lässt er besonders die sehen, die jetzt Verantwortung tragen über Hygienekonzept oder Absage, über Abstandstreffen oder Zuhausebleiben. Nicht nur die hohen Damen und Herren, die das Nachrichtenprogramm füllen. Auch an unsere Kreis- und Kommunalpolitik denken wir hier besonders, die Altgedienten und die Neugewählten, denn diese Leute stehen an der Front, und steuern unseren Weg durch die Flut dieser Zeit, hier vor Ort, und wer sie kennt, weiß, dass sie auch nur Menschen sind wie Sie und ich. Auch sie brauchen jetzt besonders Gottes Engel an ihrer Seite und unser Gebet, als Kirche, als Gemeinde Jesu Christi. Gemeinsam im Aufbruch statt auf der Flucht.

Aufbruch nach vorn; in Gottes Namen, von ihm in die Nachfolge Jesu gerufen. Die Welle liegt hinter uns; alles ‚Hätte‘ und ‚Wäre‘ ist ein Abgrund nach hinten. Es gibt keinen Weg zurück. Denn wer noch von einer Zeit vor Februar 2020 träumt, der wird früher oder später haltlos traurig.

Liebe Schwestern und Brüder,

wir haben bei aller Flut und Flucht nicht nur Gottes Engel an unserer Seite: Wer glaubt und getauft ist, der folgt Jesus Christus nach, der an Ostern die Untiefen des Todes durchdrungen hat, mit der ganzen Macht Gottes, des Vaters. Er hat unser altes verderbliches Leben auf sich genommen, damit wir eine ebene Bahn haben hinein in Gottes Ewigkeit. Trockenes Land statt Flut; den Heiligen Geist an unserer Seite bei allen Gefahren der Wüste dieses Lebens. Und dann tun wir als Kirche von Ostern noch etwas in diesem Aufbruch nach vorn: Möglichst viele mitnehmen, das ist unser Auftrag, noch bevor Sie und ich auf unsere letzte Reise gehen – denn wie schnell kann diese Reise kommen! Sehen Sie sich die Statistik an, was jetzt alles leidet und stirbt.

Es Paulus gleichtun, wenn er schreibt: „Denn […] ich [habe] euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus […] auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist […].“ – Und ich ergänze: Mit Paulus weitergeben, ‚dass auch wir ihn einmal sehen werden.‘

Nicht auf der Flucht, sondern in all seiner Herrlichkeit. Denn einmal werden wir das im Spiegel sehen: dass uns Gott selbst aus der Tiefe gezogen hat (vgl. Ps 30,2), und dass Gott selbst es ist, der an Ostern das richtige Konzept für unsere Zukunft begonnen hat: Das führt durchs Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus in die volle Rettung. Dann wird auch unser Grab einmal leer sein. Dann werden auch wir erkennen, was Mose gemeint hat: „[S]tehet fest und sehet zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird“. Dann wird es von uns auch nach diesem Heiligen Osterfest heißen: ‚Aus ihrer Flucht fanden sie Zuflucht bei Gott; sie entkamen auch dieser Welle der Infektionen.‘ Denn wie wir die Inzidenzzahl heute sehen und alles andere, was uns Angst einflößen könnte: So werden wir sie niemals wiedersehen. Sie mag steigen, wohin sie will; sie mag ängstigen, wen sie will: Mose sagt: „Fürchtet euch nicht, stehet fest und sehet zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird. […] Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein. […]“. So mag vor uns liegen der Weg durch die Flut der hohen Zahlen. So mag diese Gesellschaft noch so sehr sterben in allem, was ihr seit über einem Jahr fehlt: Vollbeschäftigung, steigende Umsätze, Präsenzunterricht; und wer momentan an den Rand seiner Kräfte kommt, den Hunger nach Gemeinschaft spürt oder wem das Nötigste zum Leben fehlt:

Uns, der Christenheit nach Ostern, steht die Zuflucht bevor, statt im Meer unserer Sehnsucht landen wir am Ende bei Christus, unserm Herrn. Und der Auferstandene wird ihn uns jetzt schon geben, den sicheren, behüteten Weg, weil sich so seine Macht zeigt.

Amen.

Fürbitten

Gott-Vater, Sohn und Heiliger Geist,

wir danken dir, dass du Jesus Christus von den Toten auferweckt hast, heute Morgen, für uns. Dass er lebt, auch im zweiten Jahr der Pandemie. Wir danken dir für allen Dank und jedes Lob, das dein Heiliger Geist uns entlockt – trotz der ungewohnten Lage, wiedermal, an deinem Heiligen Osterfest. Wir bitten dich: Schenke uns neuen Mut, stärke unseren Glauben, rede zu uns, solange wir auf dem Weg zu dir sind.

Wir danken dir für alle, die ihr Bestes geben, um uns zu helfen: in Land, Staat und auch, die jetzt über deine Kirche entscheiden, wie es weitergehen soll. Wir bitten dich besonders für deine Verantwortungsträger vor Ort: in der Kommune Tann, im Landkreis Fulda; die für Recht und Ordnung sorgen, aber auch selbst von der Kraft deiner Auferstehung leben. Gib ihnen immer wieder Weisheit für ihre Entscheidungen und neues Vertrauen, welche Wege du sie führen willst.

Allmächtiger Herr, wir sind nicht allein: Überall auf der Welt begehen Schwestern und Brüder in diesen Tagen das Heilige Osterfest – mehr oder weniger groß, doch allesamt verbunden durch deinen Geist. Sei besonders mit denen, die an den Krisenherden dieser Welt Ostern feiern, die ihr Leben in schlimmen Umständen regeln müssen. Lass sie Licht und Heil durch dich weitertragen an die, die dich noch nicht kennen, die dir misstrauen, oder die dein Wort in ihrer Sprache so bitter nötig haben, die Jungen, die Alten, die mit schweren Entbehrungen: Lass sie durchhalten, dass sie auf den Weg der Auferstehung blicken und sich von deinen Verheißungen tragen lassen.

So segne uns und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, Sohn und Heilige Geist.

Amen.