Lese-Gottesdienst ‘Lätare’ 22.03.2020 Pfarrerin Heike Dietrich


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Lätare – Predigt zu Jesaja 54,7-10

Es ist Frühling geworden, die Sommerzeit beginnt. Es grünt und blüht in den Gärten und auf den Wiesen. Ein Tag, um sich zu freuen und den Frühling zu feiern. In diesem Jahr fällt es uns schwer, das zu genießen, denn unser Land ist im Ausnahmezustand und eine Krankheit, die mancher Leben bedroht, breitet sich aus. Sonst verdrängen wir, die wir mitten im Leben stehen, gerne die Gedanken daran. Jetzt können wir ihnen nicht mehr ausweichen. Sich unserer Endlichkeit zu stellen und zu sehen, dass wir mit unseren Erfolgen und unserem Wachstum, doch nicht so stark sind, fällt uns unterschiedlich leicht. Freut euch! so heißt der Sonntag heute mitten in der Passionszeit und er erzählt davon, dass Leben und Tod, Freude und Trauer, Schmerz und Trost zu unserem Leben gehören. Auch im Predigttext für heute geht es um Altes und Neues. Wir hören fröhliche und tröstliche Worte von Jesaja mitten in der Passionszeit:

Lesung Jesaja 54,7-10: 7 Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. 8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser. 9 Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. 10 Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer. LUT2017

Für die Menschen in Israel beginnt eine neue Zeit: Nach dem babylonischen Exil, wo die Menschen in der Verbannung fern von der Heimat lebten und sich von Gott verlassen fühlten, ruft er ihnen jetzt zu: Denkt nicht mehr an das, was früher war, auf das was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Etwas Neues beginnt: Ich habe euch eine kleine Weile verlassen, aber mit Gnade und Barmherzigkeit kehre ich zurück. Mit diesen Worten Gottes an sein Volk will Jesaja die Menschen trösten in schwieriger Zeit, denn der Neuanfang in der Heimat nach der Rückkehr wird schwieriger als gedacht. Sie leben sich nicht so schnell ein, der Neuaufbau der Stadt kostet viel Zeit und Kraft. Sie sind enttäuscht, weil die Dinge sich nicht so entwickeln wie erwartet und fühlen Gottes Nähe nicht.

Gott stellt sich den Menschen wieder an die Seite. Die Worte, die er spricht sind wunderschön: Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von euch weichen und der Bund des Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr dein Erbarmer. Doch daneben hören wir auch ernste Worte, die nicht beschönigen, was gewesen ist. Fast klingen die Worte, als bereute Gott das Exil und die Zerstörung der Stadt als Strafe, die sie hart getroffen hat. Gott zeigt fast menschliche Züge, er hat Mitleid. Er zeigt sich als wandelbar, der Situation angepasst und angemessen. Und er ist konsequent: Er hatte die Menschen gewarnt, wenn sie seine Wege verlassen und seine Gebote übertreten, würden die Konsequenzen spürbar werden. In seiner Wandelbarkeit ist er glaubwürdig. Was er verspricht, das hält er auch. Glaubwürdig sein, das ist das, was viele Menschen auch von der Kirche erwarten. Ist die Kirche glaubwürdig? Bist du als Christ glaubwürdig? fragen heute viele. Lebt ihr das, was ihr Sonntag für Sonntag in den Gottesdiensten sagt. Bemüht ihr euch darum, das, was ihr verkündigt, auch unter der Woche in die Tat umzusetzen? Sieht man euch die Frohe Botschaft auch an und spiegeln eure Gemeinden auch etwas von der Lebendigkeit und der Kraft des Evangeliums wider? An diesem Sonntag hören wir die Worte: Denkt nicht mehr an das, was früher war. Seht her, ich mache etwas Neues. Das lässt Gott uns durch seinen Propheten sagen. Und das erwartet er von allen, die an ihn glauben und auf ihn hoffen: Blickt nicht zurück, sondern seht nach vorne! Haltet nicht am Alten fest, sondern lasst Neues zu. Trauert nicht wehmütig den „guten alten Zeiten“ nach, sondern macht euch auf, die Zukunft zu gestalten, auch wenn es nicht immer nur leicht ist. Jetzt in der Passionszeit hören wir die Sätze Jesu: Kehr um! Ändere dein Denken und Handeln. Doch es ist oft leichter und bequemer beim Alten zu bleiben auch wenn es schmerzt: Ich komme über alte Verletzungen nicht hinweg, trage Vorurteile weiter und halte die Schubladen, in die ich andere gesteckt habe, fest verschlossen. Gott zeigt sich als wandelbar und deshalb bleibt er sich selbst treu, denn seine Richtschnur sind Liebe und Barmherzigkeit. Wir sagen aber oft: Nein, alles soll beim Alten bleiben. Wir singen vom Geist Gottes, der zu uns kommen soll und uns bewegen soll und in eine gute Zukunft führen soll, doch wir halten an dem fest, was vielleicht früher sinnvoll und wichtig war, heute aber die Herzen nicht mehr bewegt. Gott spricht: Denkt nicht mehr an das, was früher war. Seht her, ich mache Neues. Wenn wir diesen Satz ernstnehmen und das Prophetenwort für uns heute annehmen wollen und auch umsetzen, können uns vielleicht drei Gedanken des irischen Schriftstellers George Bernard Shaw weiterhelfen, der bekannt war für seine ziemlich scharfe Zunge: Er sagt 1.: Die besten Reformer sind die, die bei sich selbst anfangen. Bezogen auf den Glauben heißt das: Immer erst überlegen, was bei mir selbst erneuerungsbedürftig ist, wo ich aus alten Gleisen nicht herausgefunden habe. Nicht aufhören zu fragen, was Jesus heute von mir erwartet; wozu er mich im Augenblick mit seinem Wort bewegen will.

Der zweite Satz, mit dem uns George Bernard Shaw auf die Sprünge helfen will, lautet: Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedes Mal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen, in der Meinung, sie passten heute noch. Will sagen glaubwürdig sind wir als Christen, wenn wir unsere Maßstäbe regelmäßig überprüfen und nicht einfach alte Normen und Gesetze auf neue Gegebenheiten übertragen. Wenn wir immer wieder fragen: Wie würde Jesus in dieser Situation reagieren? Als Drittes legte uns George Bernard Shaw ans Herz: Tradition ist eine Laterne. Der Ängstliche hält sich daran fest, dem Klugen aber leuchtet sie den Weg. Mit anderen Worten: Glaubwürdig sind wir dann, wenn wir Traditionen nicht um ihrer selbst willen bewahren, sondern auswählen. Die guten und hilfreichen bewahren und uns von ihnen in eine gute Zukunft führen lassen. „Der Herr spricht: Denkt nicht mehr an das, was früher war. Ich habe geschworen: Ich will nicht mehr über euch zürnen. Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen; aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“ Mitten in der Passionszeit und in dieser Zeit der Krise hören wir diese Worte, die uns daran erinnern, dass beides Tod und Leben Trauer und Freude zum Leben dazu gehören; dass wir aber nicht stecken bleiben sollen bei den Gedanken an das Leid, sondern in die Zukunft schauen sollen. Gott möchte, dass wir getrost mit der Verheißung seiner Gnade nach vorne blicken und neues Leben wagen und neue Wege gehen.  Gott gebe uns nun die Kraft dazu, dass wir auch trotz räumlicher Trennung einander verbunden bleiben. Bald feiern wir Ostern – und wir werden es trotz aller Hindernisse vielleicht auf ungewöhnliche Weise, das Fest, das uns sagt: Die Liebe Gottes ist stärker als der Tod und nichts und niemand kann uns von ihm trennen. Amen


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