Lese-Gottesdienst ‘Judika’ 29.03.2020 Pfarrer Jonathan Stubinitzky


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Psalmgebet – Psalm 91
Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, 2 der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. 3 Denn er errettet dich vom Strick des Jägers und von der verderblichen Pest. 4 Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild, 5 daß du nicht erschrecken mußt vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen, 6 vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt. 7 Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen. 8 Ja, du wirst es mit eigenen Augen sehen und schauen, wie den Gottlosen vergolten wird. 9 Denn der HERR ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht. 10 Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird sich deinem Hause nahen. 11 Denn er hat seinen Engeln befohlen, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen, 12 daß sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. 13 Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten. 14 »Er liebt mich, darum will ich ihn erretten; er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen. 15 Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen. 16 Ich will ihn sättigen mit langem Leben und will ihm zeigen mein Heil.«

Wie es denn recht und billig ist, dass ich so von euch allen denke, weil ich euch in meinem Herzen habe, die ihr alle mit mir an der Gnade teilhabt in meiner Gefangenschaft und wenn ich das Evangelium verteidige und bekräftige (Paulus schreibt an die Philipper 1,7).

Liebe Schwestern und Brüder,

eigentlich wollten wir …
Eigentlich wollten wir: verreisen – stattdessen: frühzeitig nach Hause zurückkehren.
Eigentlich wollten wir mit einem ‘guten Jahr’ abschließen.
Eigentlich wollten wir im April ein großes Fest feiern.
Und eigentlich wollten wir im Kirchspiel Tann an diesem Wochenende die Diamantene Konfirmation begehen.
Wie gewonnen, so zerronnen! Stattdessen treibt uns ‘Corona’, kleine merkwürdige Wesen, für die meisten unsichtbar, und doch das wohl Wichtigste und Unbeliebteste dieser Tage. Nicht nur für Risikogruppen, nein, für alle. Wir alle merken, wie schnell sich ‘Gefangenschaft’ breit macht, gefangen und doch notwendig getrennt, voneinander und womöglich in Quarantäne. Wie lange noch so? Was wird das für Folgen haben? Wem wird noch alles zuhause die Decke auf den Kopf fallen, von anderen ‘Begleiterscheinungen’ ganz zu schweigen.
Deswegen jedenfalls muss es in diesen Tagen mit Online-Angeboten und aufgeschriebenen Predigten, Gottesdiensten und Andachten an Sie gehen. Ob so etwas der Grund war? Ob Gefangenschaft oder gar Pandemie? Jedenfalls genauso war es mit dem Hebräerbrief: Eigentlich als Rundschreiben verfasst, für alle Gemeinden, durch viele Hände gegangen, soweit wir das wissen.
Und daraus ist für den heutigen Sonntag vorgesehen aus Kapitel 5, wir lesen die Verse 5-11:

5 So hat auch Christus sich nicht selbst die Ehre beigelegt, Hoherpriester zu werden, sondern der, der zu ihm gesagt hat: »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.« 6 Wie er auch an anderer Stelle spricht: »Du bist ein Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.« 7 Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. 8 So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. 9 Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden, 10 genannt von Gott ein Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks. 11 Darüber hätten wir noch viel zu sagen; aber es ist schwer, weil ihr so harthörig geworden seid.

Wir beten: Lieber Himmlischer Vater, tröste uns mit deinem heiligen Wort. Lass uns im Leiden deines Sohnes erkennen, wo unser Leid hinführt. Denn du kennst es, das Leiden dieser Zeit; du verbindest uns in Isolation, und dir sagen wir, wie sehr es uns beschwert. Darum lass uns gehorsam leben vor dir.
Amen.

Wie lange noch? Wie viele Wochen wird uns die Krankheit noch umtreiben? Wie lange müssen Verdachtsfälle zuhause bleiben, ‚in Gefangenschaft‘, freiwillig oder nicht. Reichen zehn, vierzehn Tage? Irgendwann im Mittelalter glaubten die Leute, dass es vierzig sein müssten. Denn vierzig Tage hat die Sintflut gedauert. Vierzig Jahre war Israel in der Wüste unterwegs. ‚Vierzig‘, ein französisches Lehnwort lateinischer Herkunft: Quarantäne. Vierzig Tage lang sagen oder denken: „Aber eigentlich wollten wir …“. – 2020, ein Jahr seit Menschengedenken, in dem die Passionszeit angefangen hat, aber keiner sieht ihr Ende. Wo Ostern vor der Tür steht, aber die Kirchen leer, kalt und einsam bleiben müssen, von den Konfirmationen ganz zu schweigen, und dem, was wir in diesem Jahr ‚noch so alles eigentlich wollten‘.

‚Corona‘ – Sinnbild für dieses eine Problem. O wäre es doch nicht! Wäre alles anders gekommen: die internationalen Verkehrsströme, die wirtschaftliche Lage, gemeinsames Leid, ja, alle Not fein verteilt über den Globus – wie dieses: ‚Corona‘. Ein Wort, das viele Kinder vor ein paar Tagen gelernt haben werden. Wie erklärt man das? „Irgendwie schlimm, und man sieht’s erst, wenn’s schon zu spät ist …“. Wie sagt man sich das gegenseitig: „Eigentlich wollten wir doch …“ – Doch was wollen wir, ‚eigentlich‘? Und was sollten wir?
Fragen wir lieber, was wir jetzt können und was wir sollten: Wer – so wie ich – öfter in alten Texten sucht, was das Wichtigste ist im Leben, wer sich schon vorher mit Zeiten beschäftigt, als die Leute noch Angst hatten vorm Sterben und die Krankheit unsichtbar „schleicht […], die am Mittag Verderben bringt“ (Psalm 91,6), wen die Not hinein in die Heilige Schrift treibt, wer darin den lebendigen Gott sucht mit den Leidensgenossen von Not und Tod vergangener Jahrhunderte, der stolpert irgendwann über die lateinische Fassung von Offenbarung 2,10: „Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die ‚Corona‘ des Lebens geben.“

Das stammt aus einem der Sendschreiben – wieder waren es Schriftstücke, weitergegeben in Bedrängnis. Gelesen und weitergegeben von denen, die jammervoll Jahr für Jahr sagten und dachten: „Eigentlich wollten wir –“, und auf einmal blieb vielen der Satz im Hals stecken wie ein Symptom, ein abgebrochenes Leben wie der Weg in Klinik, in Sarg und Grab – das Los dieser Tage. Drumherum Trauerfeiern mit fünf Leuten, mancherorts. Ja geht denn das? Unseren lieben Verstorbenen nicht das letzte Geleit erweisen, nicht gemeinsam derer gedenken, die mit Christus vor uns gelitten haben, und Gott nicht mit Gebet und Lobgesang am Sonntag versammelt dienen. Eigentlich wollten wir’s.

Corona. Für manche jetzt das einzige Problem. ‚Corona‘, so genannt, weil der Virus die Form hat wie eine Krone. O wäre es doch nicht! Was sollen wir jetzt tun; was können wir tun?
Wie ist das jetzt mit der Ehre? Wessen Priester sind wir? – Christus „hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.“
Was tut Jesus in diesem Text? Er ‚lernt‘. Kein Text, nicht einmal die Kindheitsgeschichte im Lukasevangelium (2,40-52), erzählt uns, dass Jesus ‚gelernt‘ hätte. Wie auch?! Wenn Gott sagt: „Du bist mein Sohn“, und ihm „alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ ist (Matthäus 28,18), wie sollte er noch was lernen?

Aber in diesem Text ist Christus machtlos. Er leidet, und er übt Gehorsam. Der, von dem Gott eingangs sagt: „Du bist mein Sohn“, der ist jetzt ganz und gar Mensch. Er ist bei uns. Er ist tief tief drin, in allem, was die Bibel Schuld und Sünde nennt, und was uns jetzt nach und nach überrollt: Überall „wo wir eigentlich wollten“, und nicht können – höchstens unbemerkt die Erreger weitergeben – überall da, da ist auch er.
Wo immer wir denken: Wie gewonnen, so zerronnen!, da leidet er mit. Er leidet mit den Einsamen, er leidet mit den Kranken, er begleitet die Sterbenden. Er leidet mit den Trauernden, er leidet mit denen, die die Krise arm macht, und genauso mit denen, die schlaflos werden von dem Gedanken „Reicht’s noch für dieses Jahr?“ – Alles wegen ein paar ‚kleiner Kronen‘, und sie werden immer mehr.
– Das können wir tun: Leiden wir in dieser Passionszeit mit Christus, und lernen wir am Beispiel Jesu Christi: Wer und was setzt unserem Leben die Krone auf? Was ist das Wichtigste, was jetzt gilt und zählt?
Die wahre Frage dieser Tage ist nicht, ob Gott uns das gibt, was wir ‚eigentlich wollten‘. Die Frage ist auch nicht, ob Gott bei uns ist. Das ist er sowieso, im Leben und im Tod. Der sieht auch, wo überall die Seuche schleicht, und der weiß schon jetzt, wer sie kriegen und wer sie nicht überleben wird.
Die spannende Frage ist, ob wir in diesen Wochen als Gefangene für unseren Herrn Jesus Christus in Zeit und Ewigkeit leben und überdauern.
Wessen Priester sind wir? Sind wir als Christen mit unserem ganzen Leben Diener für den lebendigen Gott in Ewigkeit? Oder ist Harthörigkeit unsere größere Krankheit und Unglaube ans Heil durch Jesus Christus immer noch die schlimmste Seuche unserer Zeit?
Leben im Leid und mit dem Leid. Glauben, hoffen, beten wir, jetzt, zu seiner Ehre, nicht unserer. Sogar Christus hat sich nicht selbst geehrt, auch nicht als Auferstandener, obwohl Gottes Sohn doch Gott am nächsten war, sogar eins mit seinem Vater im Himmel.

Jesus Christus ruft uns auch jetzt zusammen, ganz gewiss. Er versammelt uns im Glauben. Hören wir ihn schon rufen, durch dieser Tage Leid? Hören wir ihn durch die Zahlen, die Stunde um Stunde neu Angst und Schrecken verbreiten, sagen: „Sei getreu!“ Und sind wir’s, so treu, wie Gott uns zutraut, dass wir jetzt umso mehr gehorchen lernen, zu glauben: Jesus Christus hat mit Schuld und Sünde gebrochen, die sich seuchenhaft durch jedes Menschenleben zieht. Er hat uns errettet, von wirtschaftlicher Not, von Vorerkrankungen, vom ewigen Tod.
So ernst hat Gott es gemeint. So sehr hat er seinen Sohn sich gehorchen lassen. So ganz ist unser Herr Mensch geworden, dass er gelernt hat wie wir, und so unglaublich und unendlich nützlich ist das Heil, das Jesus Christus uns bereitet hat, durch sein bitteres Leiden und Sterben in diesen Tagen.
Sei getreu! Das ist es, womit Gott uns zu Gehorsam ruft, in diesen Tagen mit mehr Kronen, als uns lieb ist, und doch wird sie, die eine, die Krone des ewigen Lebens erst noch kommen, von dem, der unser Lob und Ehre erwartet und verlangt, wenn, wann und sooft er uns hören lässt: Jesus ist der Urheber des ewigen Heils! Nicht unser Plan. Der Glaube an den leidenden und auferstandenen Herrn ist unsere Lehre, nicht die Weisheit der Weltwirtschaft. Das ewige Leben ist unsere Krone, nicht die Ehre, die wir uns gegenseitig überschütten oder abringen können.

Was wird diese Krise noch bringen, um uns zu lehren, dass wir eben nicht Priester unserer eigenen Wünsche und Wollens sind, dass wir nicht dem opfern sollen, was wir ‚eigentlich wollten‘, sondern unser ganzes Leben als Christen auf Erden für Gott da ist, um ihn zu ehren? Danken wir ihm, solange wir jetzt viel viel Zeit zuhause haben, Gehorsam zu lernen. Denn sein Sohn ist für uns der Allergehorsamste geworden: Er hat die schwerste Krankheit aller Zeiten getragen: der Menschen Schuld und Sünde, der Menschen Selbst-Ehre und Ich-Sucht. Der Menschen Eigenlob und Nächstenhass. Alles das hat ihn fürwahr ans heilige Kreuz gebracht. Und auch die Tatsache, dass ich heute unmöglich weiß, was ich noch Schlimmes und Schuldhaftes verteile, morgen für andere zum Schaden. Ich kann gar nicht anders, als dieser Tage drauf vertrauen, dass mir Jesus Christus nicht mehr Verantwortung aufhäuft, als er selbst an mir trägt, und weiß ganz gewiss:

„Christus wirkt nicht nur in der Lehre, sondern in der Versöhnung mit Gott, die er in seinem Tod ausgeführt hat, in der Fürsprache bei dem Vater, woraus das Priesteramt besteht.“ – So hat’s vor Zeiten einer bezeugt, als noch fast jedes Jahr seine Opfer forderte, so wie dieses zweitausendundzwanzigste.

Wie lange noch?
Zum Schluss noch ein Liedvers aus – wie könnte es anders sein – ebenso schwerer Zeit:

Wann, o Herr Jesu, dort vor deinem Throne
wird stehn auf meinem Haupt die Ehrenkrone,
da will ich dir, wenn alles wird wohl klingen,
Lob und Dank singen.

Johann Hermann 1630 (EG 81,11)

Fürbittenvorschlag
– zum laut oder leise Beten, in der Kirche oder zum Mitnehmen für Zuhause und zum Weitergeben
Paulus schreibt auch aus dem Gefängnis an seine Lieben in Philippi (4,1): „Also, meine lieben [Schwestern und] Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude und meine Krone, steht fest in dem Herrn, ihr Lieben.” Lasst uns mit ihm und wie er gemeinsam zum Herrn beten:

Lieber Herr Jesus Christus,
meine Freude und meine Krone,
dir danke ich, dass du mich dieses Leben bis jetzt bewahrt und erhalten hast.
Dich bitte ich, dass du Unheil, Krankheit und Gefahr vor mir und allen meinen Lieben abwendest, und denen Heil, Zuversicht und Treue im Glauben bringst, die sich zu den Opfern dieser Zeit Leiden zählen.
Wir bitten dich für diejenigen, die jetzt von ihrer Familie getrennt sind, oder auch auf engstem Raum einen neuen Lebensrhythmus finden müssen. Wir bitten dich besonders für die Senioren und alle so genannten Risikogruppen.
Wir bitten dich für alle, die in diesen Tagen unsere Länder und Staaten regieren, die für Recht und Ordnung sorgen in einer Zeit, in der immer neue Regeln nötig geworden sind.
Wir bitten dich für alle, die in diesen Tagen alles Menschenmögliche tun, um mit Forschung und Medizin die Lage in den Griff zu bekommen, und die die viel dafür tun, um unsere Versorgung sicherzustellen.
Wir bitten dich: Vergib uns alle unsere Schuld, und wo wir nicht wissen, was unser Beitrag an der Krise ist, was wir nicht sehen, oder erst, wenn es schon zu spät ist.
Meine Freude und meine Krone, dir danke ich, weil du mich aus allen Nöten dieser Zeit und dieses Lebens erlöst hast, und im Glauben unter die Macht deines ewigen Heils gebracht hast, erhältst und mit deinem Segen durch dieser Zeit Leiden geleitest.

Segen
So segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.

Bekanntgaben für das Kirchspiel Tann im Stadtanzeiger und besonders auf unserer Homepage: https://kirche-tann.de/.


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