Lese-Gottesdienst ‚Quasimodogeniti/Weißer Sonntag‘ 19.04.2020 Pfarrer Jonathan Stubinitzky


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Predigt zu Jesaja 38 – Lesegottesdienst für Sonntag nach Ostern ‚Quasimodogeniti/Weißer Sonntag‘ – Kirchspiel Tann

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Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir lesen anstelle des Psalmgebets die Worte eines Staatsmannes in schwerer Zeit: Hiskia, König von Juda, betet: [1]

Ich sprach: Nun werde ich nicht mehr sehen den HERRN, ja, den HERRN im Lande der Lebendigen, nicht mehr schauen die Menschen, mit denen, die auf der Welt sind.
Meine Hütte ist abgebrochen und über mir weggenommen wie eines Hirten Zelt. Zu Ende gewebt hab ich mein Leben wie ein Weber; er schneidet mich ab vom Faden. Tag und Nacht gibst du mich preis; bis zum Morgen schreie ich um Hilfe […]; Tag und Nacht gibst du mich preis. Meine Augen sehen verlangend nach oben: Herr, ich leide Not, tritt für mich ein! Was soll ich reden und was ihm sagen? Er hat’s getan! Entflohen ist all mein Schlaf bei solcher Betrübnis meiner Seele. Herr, davon lebt man, und allein darin liegt meines Lebens Kraft: Das lässt mich genesen und am Leben bleiben. Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück.

Als Lesung des Sonntages spricht zu uns aus der Heiligen Schrift 1. Petrus 1,3-9:

Lebendige Hoffnung
3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, 4 zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch, 5 die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereitet ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit. 6 Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, 7 auf dass euer Glaube bewährt und viel kostbarer befunden werde als vergängliches Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus. 8 Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, 9 wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.

Liebe nachösterliche Gemeinde,
„Und Hiskia weinte sehr.“ (Jesaja 38,3). Ein König, der weint. Haben Sie so etwas schon einmal gesehen? Ein König, ganz klein, vor Gott. Nichtöffentlich ist so was. Die Bibel zeigt uns einen Staatsmann, wie er nicht im Bilderbuch steht. Exklusive Einblicke hinter die Kulissen von Regierungsleuten, wie der Film „Die Getriebenen“, der dieser Tage von sich reden macht. Dabei steht König Hiskia für so viele, denen Verzweiflung anzusehen ist. Kleine wie große Leute.
Es waren harte Zeiten damals, im Syrisch-Ephraimitischen Krieg: Opfer hier, Leiden da; die Devisen niedrig, das öffentliche Leben so manches Mal eingeschränkt – da bringt die Nachricht vom eigenen Todesurteil das Fass zum Überlaufen – oder besser gesagt ‚die Augen zum Überlaufen‘, denn „Hiskia weinte sehr.“ ‚Auch das noch!‘

[1] Aus der Bibel im Buch Jesaja, Kapitel 38,11-13a.14b-17.


– Die Erzählung vom weinenden König. Zu traurig für die Zeit nach Ostern? Ein kleiner Staatsmann, der zu Kriegszeiten Not und Tod näherkommen sieht – was mit seinem Eigenkapital ist, bleibt nichtöffentlich –, und der schließlich vor Gott sinngemäß sagt: „Du reißt mein Leben ab wie ein Weber den letzten Faden.“
Ja, Gott reißt Fäden ab. Er lässt Schlimmes passieren. Er lässt Krisen kommen und Leute in die Not stürzen. Als ob im Februar diesen Jahres nichts Schlimmes passiert wäre, als ob es allen gleich gut gegangen wäre, so haben wir doch dieses Frühjahr unzählige Beispiele gesehen, an welch Seidenem Faden so manche Existenz hängt:
Heißt dieser Faden Desinfektionsmittel? Oder Beatmungsgerät? Hängt unser Leben am Impfstoff, oder nur am Test anderer – vorausgesetzt man kann ihm vertrauen. Auch daran ‚hängt‘ vieles, nicht nur bei Ihnen und mir, sondern auch bei ranghohen Regierungsmitgliedern. Oder scheitert am Ende unser Land an den vielen Kosten für Intensivbetten, wenn wir sie gar nicht alle brauchen? Kann uns Blick und Verstand des Robert-Koch-Instituts die Sorge nehmen?
Sehen wir das Ergebnis der Lockerungen und passt es uns, oder ist am Ende alles nur Panikmache und die Politik ‚fiebert‘ mit, solange sie auch nicht die Patentlösung aus dem Hut zaubern kann, für dieser Tage Nöte? Manches wird sich als absolute Notlösung zeigen, wieder anderes menschliche Ohnmacht sichtbar machen: Und Hiskia weinte sehr. Ja, so manches ist zum Weinen, leider. Auch nach Ostern.

Doch was war Ostern eigentlich passiert? Jener Gang zum Grab, das Leben Jesu abgerissen wie der letzte Faden, der beste Freund weg, die Blamage der Jünger groß, die Frauen untröstlich (vgl. Markus 16,8 u. ö.). Dort, wo noch die Tränen Maria Magdalenas in Jesu Grab fallen (Johannes 20,11), und seine Engel andeuten, wie sehr der allmächtige Gott traurige Leute lieb
hat, dort steht EINER schon die ganze Zeit daneben: Jesus, der Auferstandene.
Doch ein solches Auge, das nur die Anfechtungen dieser Zeit aufsaugt, kann Jesus nicht sehen. Petrus weiß es gut und gerne: „Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb.“ (1. Petrus 1,8)
Liebe Gemeinde, kein Mensch sieht ein Virus mit angewachsenen Augen; kein Mensch sieht jetzt, was später richtig gewesen sein wird. Niemand weiß, was noch werden wird. Doch die Worte von Petrus über Jesus Christus lassen mehr und mehr Ostern werden: „[N]un glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude”. Er wiederholt sich. Er gibt wieder, was er schon vorher gesagt hat (V.6.7):
“Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, auf dass euer Glaube bewährt und viel kostbarer befunden werde als vergängliches Gold”. Glaube gewinnt. In dieser kleinen Zeit der Anfechtungen mehrt sich das Kapital unseres Glaubens. Hier bewährt sich, was wir nicht sehen und doch lieb haben, und beweist sich Jesus Christus, der Auferstandene.

Außerdem sehen wir, wie trügerisch Augen gefüllt mit Tränen und mit Blicken voller Leid sind: Gold ist vergänglich. Finanzielle Kapitaleinlagen sind gerade nicht der Anfang von Ostern. Eine funktionierende Gesellschaft macht sich wenig Gedanken, was denn morgen sein wird. Also bricht die Wahrheit herein, was alles an Seidenen Fäden hängt, genau so wie wir.
Eins der weltweit besten Gesundheitssysteme lässt keinen von den Toten auferstehen. Und alle Mühen um Schadensbegrenzung heute stehen im Lichte von dem, der die unsichtbaren Dinge regelt, und der jede Träne sieht. Auch die Tränen Tausender, die zur Zeit Hiskias aus dem Nordreich Israels nach Juda geflohen waren, und die danach noch kommen. „Zähle die
Tage meiner Flucht, sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie.“, betet Psalm 56,9
. Noch fallen unsere Tränen auf Gottes Erdboden, mit jedem zu Ende gelebten Leben, mit so mancher vergangenen Möglichkeit, mit jedem abgerissenem Fadenende.
Jesus Christus nicht sehen und ihn doch lieb haben. Wer das tut, der glaubt an ihn. Seit Ostern glaubt die Kirche unseres Herrn, dass er da ist, obwohl wir ihn nicht sehen.


Ja gerade deswegen ist Jesus für uns unsichtbar, weil er sich um die Fäden kümmert, die schon abgerissen sind, / weil er sich um all das einzeln und höchstpersönlich sorgt, was ein Staat und König gar nicht kann, / weil seine Macht unsere früheren Fehler verzeiht und schon die kommenden Hürden nimmt, für dieses Land, für unsere Gesellschaft, / weil der unsichtbare Gott das Sichtbare zu seinem Ebenbild geschaffen hat, / und weil er von da unser Leben weiter- und weiterwebt, jedes einzelne. Dafür ist ER zuständig. Das wusste schon König Hiskia, das glaubten die Jünger von Jesus Christus, und das gilt bis heute der nachösterlichen Gemeinde unseres Herrn. König Hiskias Augen sahen „verlangend nach oben“. Jetzt sehen sie zwar nicht mehr die Menschen, mit denen er auf der Welt war. Zukunftsangst, Schlaflosigkeit, Bluthochdruck – sie sind nun vorbei. Aber sein Gebet ist noch da: „Herr, davon lebt man, und allein darin liegt meines Lebens Kraft: Das lässt mich genesen und am Leben bleiben. Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück.“
Gottes Macht ist stärker als lebenslange Krankheiten. Die Auferstehung Jesu lässt uns durch den Tod am Leben bleiben. Die abgebrochenen Beziehungen, die schmerzlich vermissten Freunde und Verwandte, die vor uns auf der Welt waren – überall steht unsichtbar Jesus Christus daneben, bis er einmal auch uns beim Namen rufen wird – „Maria!“ – und sichtbar macht „der Seelen Seligkeit.“

Die Geschichte von Ostern wiederholt sich. Sie lässt unseren Glauben kostbar und kostbarer werden, genau wie Petrus nicht müde wird, es zu sagen: Glaube schöpft auch in dieser Krise 2020 Kapital. Jesus nicht sehen und doch lieb haben, das soll an uns sichtbar werden.
Die Worte des ersten Petrusbriefs stehen auch in diesem Jahr über der Woche am Sonntag nach Ostern: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten (1. Petrus 1,3).“

Noch ist er unsichtbar, der Faden zu Gottes Herrlichkeit. Doch er endet nicht im Grab. Er zieht sich durch, durch so manches elend „geläutert […], zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus, […] wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.“
(1. Petrus 1,7-9)

Diesen Glauben unterstreicht der Predigttext für heute, er sammelt die Tränen von König Hiskia in Gottes Krug und bündelt alle noch so ‚Seidenen Fäden‘ in seiner großen und mächtigen Hand. Dieser Gott allein besitzt die Kraft, zusammenzuhalten, was kein Mensch vermag, auch kein König wie aus dem Bilderbuch. Darum lasst uns die Augen erheben und sehen, was Gott den Propheten Jesaja sagen lässt:

Jesaja 40:
26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. 27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? 28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. 29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. 30 Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; 31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.


Amen.


Fürbittenvorschlag
Lieber Vater im Himmel,
wir nennen dir schöne Dinge, die wir auf lange Zeit nicht mehr sehen werden,
wir vermissen liebgewonnene Mitmenschen,
wir klagen dir auch unsere abgerissenen Fäden,
unsere verlorenen Hoffnungen. –

Wir danken dir für das vergangene heilige Osterfest.
Du hast unsere Seele vom Tod errettet, unser Auge von den Tränen, unseren Fuß vom Gleiten.
[2] Du hast den sichtbaren Tod besiegt mit dem Leben, dem unsichtbaren ewigen Leben.

Sei mit denen, die der Wert ihrer Existenz in eine tiefe Krise führt, /
mit denen, die in dieser Zeit den sichtbaren Tod sterben, /
mit denen, die sich tief in die Gräber vergänglicher Wünsche und Ziele beugen.

Richte die Blicke aller auf Jesus Christus, deinen auferstandenen Sohn;
gib ihnen täglich neu Kraft zu Verantwortung und guter Tat zum Wohle aller:

die leidgeplagten Frauen und Männer in Land, Staat, Europa und weltweit, die regieren, die sich um einen ausgewogenen und behutsamen Ausstieg aus den Einschränkungen bemühen, selbstlos und zu unserem Guten, /
die das Ende menschlicher Möglichkeiten sehen, und doch ununterbrochen am Forschen sind, um uns Hilfe und Schutz und Heilung bereitzustellen, /
die dieser Tage kein traditionelles Osterfest erleben konnten, und die doch ihren Lieben nahesein wollen, besonders die Kinder der Erstkommunion und die demnächst zu Konfirmierenden.

Segne und begleite deine heilige Kirche in dieser nachösterlichen Zeit, solange sie noch nicht sichtbar zusammenkommen darf, damit du auch durch diese Not unseren Glauben bewährst und er kostbar und kostbarer wird, bis dass wir Jesus Christus, deinen Sohn, neben uns stehen sehen und unseren Namen sprechen hören: (NN.) (– Platz für Ihren Namen)

[2] Vgl. Psalm 116,8.


Stilles Gebet


Vaterunser


Als Spruch der Woche geht mit uns: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten (1. Petrus 1,3).


Segen
So segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.




Bekanntgaben für das Kirchspiel Tann separat, vgl. auch Stadtanzeiger und besonders die Homepage: https://kirche-tann.de/.