Lese-Gottesdienst ‚Palmsonntag + Gründonnerstag‘ 05.04.2020 Pfarrerin Heike Dietrich


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Predigt zu Joh. 13,1-15 + 34-35
Palmsonntag und Gründonnerstag

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Liebe Gemeinde!

Unsere Erde hat Fieber. Sie leidet und wir Menschen leiden mit!
Neben den ganzen medizinischen Fragen, das Leben und die Gesundheit der Menschen zu retten und neben den Maßnahmen, den Menschen in ihrer Existenzsicherung zu helfen, tauchen momentan auch Fragen auf, wie es zu diesem Ausbruch der Pandemie kommen konnte und was wir daraus lernen können für die Zukunft. Eine junge Frau aus der Schweiz erzählte, wie es war an Corona zu erkranken und wie der Weg zur Genesung war. Am Schluss stellte der Journalist die Frage:  „Wie denkst du, wird sich die Welt nach der Krise verändern?“ Sie antwortet: „Ich wünsche mir, dass die Welt ihre Lektion aus dieser Krise lernt. Wir Menschen sind immer im Glauben gewesen, dass wir unseren Planeten besitzen, mit allem, was darauf lebt, aber nachdem unsere Umwelt jahrzehntelang für unseren persönlichen Gewinn missbraucht wurde, scheint es, als ob uns das Universum eine Lektion erteilen möchte. Ich hoffe sehr, dass uns nach diesem Ganzen bewusst wird, was wir eigentlich getan haben, dass wir demütiger und bescheidener werden.“

Wir stehen mit dem Palmsonntag am Beginn der Karwoche, die in diesem Jahr so ganz anders sein wird. In ihr verdichtet sich alles, was unseren christlichen Glauben im Kern ausmacht: Unser Erfahrung von Schuld, Leid und Tod und Gottes Antwort: Vergebung, Neuanfang und neues Leben im Licht der Auferstehung. Wir hoffen so sehr, dass wir auch diese Krankheit und ihre schrecklichen Folgen auf der ganzen Welt durch medizinischen Fortschritt, durch kluges politisches Handeln und durch noch bessere Technik in den Griff kriegen können und spüren doch, dass hier der Glaube an die Weltgestaltung des Menschen an seine Grenzen kommt. So wie wir nicht über unseren Tod verfügen können, so macht uns dieses kleine Virus deutlich, dass es immer (noch) Dinge auf der Welt gibt, derer wir nicht Herr werden können. Sicher müssen alle an ihrem Platz, mit ihren Möglichkeiten jetzt kämpfen, denn es geht um Menschenleben. Dahinter aber, hinter allem Machbaren und Menschenmöglichen steht letztlich, daran glauben wir Christen, die Gnade Gottes, aus der wir nehmen, was wir haben: Unsere Gesundheit und unser Leben und so Vieles mehr. So sagte ein Arzt in New York, der dort in einem Krankenhaus um das Leben der ihm anvertrauten Menschen kämpft: „Wer beten kann, der bete jetzt!“

In unserem Land mit all dem Wohlstand und den Sicherheiten ist das bei Vielen aus dem Blick geraten – so auch manchmal bei mir: Dass es Dinge gibt, die wir eben nicht im Griff haben und dass mit unseren Strategien eben nicht alles getan ist. Dass es Gott allein ist, der mit Leid und Tod fertig werden kann, wie er in Jesus gezeigt hat. So arbeiten wir weiter, jeder an seinem Platz und wir beten auch, viele von uns jetzt abends zum Klang der Glocken, getrennt für sich und doch im Gebet verbunden: Für die Erkrankten, für die Toten und die, die um sie trauern, für die, die in Angst sind und für die, die jetzt auch in materielle Not kommen, für die, die in den Flüchtlingslagern ausharren, für unsere Lieben, aber auch für unsere Dörfer unser Land und alle Menschen auf der Welt. Und das ist etwas, was mir trotz allem im Moment auch Zuversicht schenkt: Die Menschen rund um den Erdball fühlen sich in diesem Schicksal verbunden. Ein Land, das schon weiter ist, lässt andere an seinen Erfahrungen teilhaben, damit alle lernen können.

In diesen Tagen spricht besonders die Geschichte von der Fußwaschung Jesu aus Johannes 13 zu mir. Er dient seinen Jüngern und verrichtet an ihnen diesen Dienst, der sonst nur von den Sklaven, oder wenn nicht vorhanden, von den Hausfrauen verrichtet wurde. Der Meister wäscht seinen Schülern die Füße und er tut es nicht, wie sonst üblich vor dem Essen, sondern danach. Für uns bleibt offen, ob Johannes hier die symbolische Handlung Jesu betonen wollte, oder ob die Jünger sich vor dem Essen nicht einigen konnten, wer der Geringste unter ihnen sei. Jedenfalls sind alle beschämt, als Jesus mit der Waschung beginnt. Petrus protestiert heftig, doch Jesus lässt sich nicht beirren und gibt seinen Jüngern mit auf den Weg: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, was ich getan habe.“ 

Jesus setzt ein Zeichen. Wer jetzt von seinen Jüngern, von seinen Weggefährten und Zeitgenossen immer noch nicht verstanden hat, was Jesus Zeit seines Lebens, in seinen Geschichten, seinem Umgang mit den Menschen, seinem Reden von Gott sagen wollte, hier macht er es noch einmal ganz deutlich: So sollst du sein, so sollst du dich anderen Menschen gegenüber verhalten: Demütig, liebend, den anderen zugewandt. Einer hat in unserer heutigen Zeit verstanden, welcher Zündstoff in dieser Geschichte steckt und folgt Jesus auf dem Weg des Dienens: Papst Franziskus, der nicht aus den kirchlichen Machtzentren Europas stammt, sondern die Slums in Lateinamerika gesehen hat, hat kurz nach seinem Amtsantritt 2013 im römischen Jugendgefängnis 10 männlichen und 2 weiblichen Insassen die Füße gewaschen und geküsst!!! Eine der Frauen war ein Muslima, was konservative Gläubige besonders erboste. „Wer auch immer ganz oben steht, muss allen anderen dienen“, verteidigte er sich. Schon als Bischof von Buenos Aires hatte er Männern und Frauen in Krankenhäusern, Gefängnissen und Altersheimen die Füße gewaschen. Diese spektakuläre Geste stand am Anfang seiner Dienstzeit und diesen Weg hat Papst Franziskus fortgesetzt und sich damit auch unter protestantischen Gläubigen große Anerkennung erworben.

Er folgt dem Beispiel Jesu und sagt: So sollt ihr sein. So sollt ihr leben. In Hingabe, Liebe und Demut. Der Gründonnerstagabend zeigt: Lasst Jesus nahe an euch heran. Lasst seine Liebe leibhaftig und spürbar an euch heran. Denn dieser Abend war ein Abend der Vertrautheit, als Jesus mit seinen Jüngern ein letztes Mal alleine war. Diese Vertrautheit war nötig, um das Kommende zu ertragen. Diese Vertrautheit und körperliche Nähe hatte eine ungeheure Intimität – wie der Glaube selbst. Wer schon mit anderen über seinen ganz persönlichen Glauben gesprochen hat, weiß das, denke ich. So vertraut miteinander zu sein, fällt uns heute schwer. In diesen Tagen und Wochen aber spüren wir jedoch, wie sehr uns vertraute Menschen und ihre Nähe fehlt: Freunde, Arbeitskollegen, Nachbarn, mit denen wir sonst Zeit verbringen und Leben teilen. Eine Lehre können wir vielleicht jetzt schon aus der Krise ziehen: Wir heute brauchen auch Zeichen des Glaubens und des Dienens: Johannes erzählt uns die Geschichte der Fußwaschung nicht, damit wir genau das nachahmen, sondern dass wir erkennen. Um Jesu Bitte nachzugehen, müssen wir nicht einander die Füße waschen, sondern können viele Möglichkeiten finden, einander zu dienen: Einander zuhören, Tränen trocknen, Zeit schenken, Geld spenden, Achtung und Wertschätzung entgegenbringen, vergeben und ja, auch so etwas intimes, wie einander in die Arme nehmen. Das wird auch wieder möglich sein.

Jesus geht es darum, dass wir mit den anderen empfinden, ihre Nöte und Sehnsüchte sehen. Jemand, mit dem ich letzte Woche über die Coronakrise sprach, sagte: Wir alle sollten überdenken, was wir tun. Müssen wir dreimal im Jahr weit weg in Urlaub fahren, die Kinder aber lassen wir in dem Elend im Flüchtlingslager und wollen nicht helfen?

Selbst denen, die Jesus dann in der Nacht in Fesseln legen, begegnet er mit Achtung: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Um solche Zeichen in unserem täglichen Leben bittet uns Jesus in den Tagen seines Abschieds, kurz vor seinem Tod.

ER sagt: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“

Amen!

Es grüßt Sie ganz herzlich

Ihre Pfarrerin Heike Dietrich