Lese-Gottesdienst ‚Ostern‘ 12.04.2020 Pfarrerin Heike Dietrich


Download als PDF-Datei dem Predigttext nachfolgend.

Predigt zu Lukas 24,13-35 – Ostern

Anklicken + Lesen: Bibeltext Lukas 24,13-35
auf bibleserver.com

Lesegottesdienst für Ostern, 12.04.2020, Pfarrerin Heike Dietrich

Predigt Ostern 2020 – Lukas 24,13-35

Der Friede des auferstandenen Herrn Jesus Christus sei mit Euch allen!

Liebe Gemeinde, es ist auch in diesem Jahr Ostern geworden. Doch so ganz anders, als wir es gewohnt sind. Ja es ist traurig, dass wir die Gottesdienste nicht feiern können und uns als Familie nicht besuchen können, die Bilder von vielen Sterbenden und in Not Geratenen ängstigen uns. Viel ist aber in Bewegung gekommen und ich bin sicher, auch sie hatten Begegnungen in diese Wochen, die sie in Erstaunen versetzt haben:

Ein junger Mann erzählt, wie schön er es findet, dass sich die Menschen, die sich auf der Straße begegnen, Zeit für ein Gespräch nehmen – mit Abstand, aber herzlich. Beim Einkaufen schenken sich fremde Menschen ein Lächeln, die sonst eher durch den Laden gehetzt sind. In meiner Familie gibt eine alte Frau von 90 Jahren, die froh ist, dass sie es schafft noch in ihrem Haus zu wohnen, wir stellen ihr die Einkäufe vor die Tür und telefonieren lange. Sie ist tough momentan und ich glaube, sie fühlt sich ein bisschen an Kriegszeiten erinnert und kommt ziemlich gut klar mit der Ausnahmesituation.

Junge Leute, die sich sonst über soziale Medien ausgetauscht haben, telefonieren wieder mit ihren Freunden und freuen sich die Stimme des anderen zu hören. Gemeinsam Kuchen backen geht so: Jeder stellt sein Telefon auf laut, die Zutaten liegen bereit und los geht, zusammen und jeder getrennt in seiner Küche. Den fertigen Kuchen kann man dann vorbeibringen.

Es ist als ob in dieser schwierigen Situation etwas aufbricht, was lange unter dem geschäftigen Treiben verborgen war. So ist es auch in diesem Frühjahr Ostern geworden und wir feiern das Fest des Lebens gegen den Tod. Das Fest des Lichts gegen die Dunkelheit, das Fest des Friedens gegen Gewalt, Krieg und Streit. Jesus Christus ist auferstanden und befreit uns zu neuem Leben. Neues Leben bricht auf in der Natur nach langer Winterstarre, Hoffnung bringt dieser Aufbruch mit sich und Freude. Blumen umranken das Osterlicht, auch wenn die Kerze noch das Kreuz trägt und von Leid und Sterben erzählt, so sind Licht, Blumen und Kreuz sind uns Zeichen, dass Tod und Leben zusammengehören. Ohne Karfreitag wird es nicht Ostern. So ist es gut und richtig, sich mit aller Macht momentan dagegen zu stemmen, dass Menschen in dieser Pandemie ihr Leben lassen, aber da, wo menschliche Macht und die Macht der medizinischen Technik nicht mehr ausreicht, sich auf das Sterben vorzubereiten und für die Hoffnung einzustehen, die uns Christen trägt im Leben und im Sterben.

Je näher den Menschen die Erfahrung von Tod und Leid kommt, umso mehr besinnen sie sich auf das was wirklich trägt im Leben.

Noch nie in der ganzen Weltgeschichte gab es eine solche Krise, die vor keiner Ländergrenze oder der Stellung eines Menschen Halt macht. Aber auch noch nie in der Weltgeschichte gab es weltweite Maßnahmen, gerade die Alten und Gebrechlichen besonders zu schützen und sich so eindeutig auf die Seite des Lebens und die Würde jedes Einzelnen zu stellen und das Mitleiden an der Situation der anderen in Italien oder New York, in den Bedrängnissen der Flüchtlingslager und der Armutsviertel der Metropolen weltweit. Dem ganzen wohnt ein scheinbarer Widerspruch inne: Wir sollen so weit wie möglich Abstand halten, merken aber wie nahe sich gerade in diesen Tagen viele Menschen fühlen: Wir fühlen die starke Verbundenheit über Grenzen und Nationen hinweg: Wir alle sind verletzliche Menschen und letztlich auf Liebe angewiesen und auf die Beziehungen zu anderen und leben von der Hoffnung, die uns trägt, über den Augenblick hinaus, mag er noch so schwer sein. Wir merken alle, was letztlich wirklich wichtig ist, neben den sonst so angenehmen Dingen wie Feiern, Reisen, Konsum.

An diesem Osterfest steht für mich die Geschichte von den beiden Emmausjüngern im Mittelpunkt. (Lukas 24,13-35) Sie ist die Geschichte um das Ostergeschehen, die von Einsamkeit und Verzweiflung einerseits und dann von neuer Gemeinschaft und Aufbruch erzählt. Man kann sie auch als eine Art „Kirchengeschichte“ lesen, als Antwort auf die Frage: Wie könnte eine Kirche aussehen, die den Osterglauben überzeugend verkündigt.

Wenn wir an der Emmausgeschichte entlang gehen, können wir vier Leitbilder, Skizzen einer österlichen Kirche entdecken: Als Erstes: Das Leitbild der fragenden Kirche: Die Emmausjünger fragen sich durch. Sie sind auf dem Weg und versuchen, ihre Gedanken zu ordnen, ihre Hoffnungen und Enttäuschungen auszusprechen. Sie sind noch nicht fertig mit dem, was in Jerusalem geschehen ist. Sie suchen nach einer Deutung und nach der Bedeutung für ihr eigenes Leben. Und auch der Fremde, dem sie begegnen, kommt nicht mit Antworten – er fragt. So stelle ich mir eine Österliche Kirche vor: Menschen, die gemeinsam im Glauben unterwegs sind. Eine Gemeinschaft, die vom gemeinsamen Suchen und Fragen geprägt ist, wo die Bibel und ihre Geschichten immer wieder neu auf ihre Bedeutung für unser Leben befragt werden. Gemeinden auch, die sich als Suchtrupps des Lebens verstehen, in denen Menschen Zeit haben, zum Glauben zu finden. Das zweite ist eine teilende Kirche: Wenn der Fremde das Brot bricht und an die Jünger austeilt, dann ist das die Bestätigung dafür, was schon unterwegs geschehen ist: Sie haben sich ausgetauscht, den anderen teilnehmen lassen an ihrer Enttäuschung, ihrem Schmerz und sind so zu einer Gemeinschaft geworden.

So könnte auch eine österliche Kirche heute aussehen. Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes etwas füreinander übrig haben, die sich gegenseitig das Brot des Lebens schenken – wobei hier Brot für all das steht, was Menschen am Leben erhält: Materielle Hilfe, ein gutes Wort, Gesten der Versöhnung, Bereitschaft zum Zuhören, Dasein und Freud und Leid teilen. Erst beim Teilen des Brotes wird der Mitgehende Christus von den beiden Jüngern erkannt: Ein Hinweis für uns, nicht nur für’s eigene Brot zu sorgen. Quasi eine Warnung, nicht zu Eigenbrötlern zu werden, sich abzukanzeln, sondern die Begleitung von Menschen zu suchen oder je nach Bedürftigkeit selber Begleitung für andere sein. Das Dritte könnte die feiernde Kirche sein: Ganz bewusst hat Lukas die Tischszene seiner Emmauserzählung so geschildert, das Leser und Zuhörer sofort an das letzte Abendmahl Jesu denken und dass wir unsere Abendmahlsfeier in unseren Gemeinden darin wiederentdecken können. Das gemeinsame Essen ist Sinnbild für das Fest der Erlösung und Befreiung. Damit davon auch etwas in unseren Gottesdiensten spürbar wird, sollen alle eingeladen sein zum Tisch des Herrn, es soll feierlich, aber auch fröhlich zugehen, einer soll auf den anderen achten – Feste der Geistesgegenwart Gottes, getragen von allen, die mitfeiern, eingebettet in ein frohes und herzliches Gemeindeleben auch außerhalb der Kirchenmauern. Die Mahlgemeinschaft mit Jesus ist unser Erkennungszeichen und Lukas setzt sie bewusst ans Ende seiner Erzählung.

Hier wird deutlich, wovon wir leben und wofür wir leben, wem wir unsere Existenz zu verdanken haben, was es bedeutet, Christ zu sein. Deshalb ist die Abendmahlsfeier so wichtig und zentral für unseren Glauben. Wenn wir gemeinsam das Abendmahl feiern, erfahren wir die Gemeinschaft derer, die im Sinne Jesu leben wollen und wir bestärken uns gegenseitig in unserem Auftrag, Menschen für den Glauben zu interessieren. So wie die Jünger nach der Erfahrung der Nähe des Auferstandenen auszogen, um anderen Menschen von ihrem Glauben zu erzählen. Und schließlich: Das Leitbild einer erzählenden Kirche können wir entdecken: Die beiden Jünger können ihre Erfahrung mit dem Auferstandenen, der sie begleitet hat, nicht für sich behalten, ebenso wenig wie die anderen, die sie in Jerusalem treffen. Durch das gegenseitige Erzählen bestärken sie sich in ihrer Hoffnung. Wo Menschen so miteinander reden, kann Christus dazwischen kommen. So heißt es: „Während sie so redeten, trat Jesus in ihre Mitte.“ Österliche Kirche als Erzählgemeinschaft, das ist auch ein wichtiges Leitbild für heute. Wo einer dem anderen sagt, was in seinem Leben wichtig geworden ist, was einen Zweifeln lässt oder ermutigt, wo Bibelstellen mit dem eigenen Leben in Beziehung gesetzt werden und ganz neu zu sprechen beginnen. Das haben wir in vielen Gemeinden in Bibelgesprächskreisen, in der Vorbereitung zum Frauenweltgebetstag oder zu besonderen Gottesdiensten, die von einem Team vorbereitet werden. Das ist Glaube, den wir teilen, der neue Gespräche auslöst, wo der mitgehende Christus wieder ganz neu entdeckt werden kann. Lukas hat Leitbilder einer österlichen Kirche skizziert. Unsere Chance wäre es, diese Skizzen auszumalen, ihnen Farbe zu geben, und sie als Baupläne für eine österliche Gemeinde zu benutzen. Denn das ist Ostern: Die Feier der Zukunft und des Aufbruchs, die uns Jesus geschenkt hat.

Wir spüren jetzt die Gemeinschaft, die trägt in dem vielen kleinen Gesten und Hilfen im Coronaalltag. Von ganzem Herzen aber freue ich mich auf die Zeit danach, die Gottesdienste in unseren Kirchen, die Gespräche mit Ihnen, das gemeinsame Fragen und Suchen nach neuen Wegen im Glauben und das erste Abendmahl gemeinsam vor dem Alltar.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen



BIBELTEXT ZUM NACHLESEN:
Die Erscheinung Jesu auf dem Weg nach Emmaus: 24,13–35
13 Und siehe, am gleichen Tag waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. 14 Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte. 15 Und es geschah, während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus selbst hinzu und ging mit ihnen. 16 Doch ihre Augen waren gehalten, sodass sie ihn nicht erkannten. 17 Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen 18 und der eine von ihnen – er hieß Kleopas – antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als Einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist? 19 Er fragte sie: Was denn? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Tat und Wort vor Gott und dem ganzen Volk. 20 Doch unsere Hohepriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen. 21 Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist. 22 Doch auch einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab, 23 fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe. 24 Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht. 25 Da sagte er zu ihnen: Ihr Unverständigen, deren Herz zu träge ist, um alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. 26 Musste nicht der Christus das erleiden und so in seine Herrlichkeit gelangen? 27 Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht. 28 So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen, 29 aber sie drängten ihn und sagten: Bleibe bei uns; denn es wird Abend, der Tag hat sich schon geneigt! Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben. 30 Und es geschah, als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach es und gab es ihnen. 31 Da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn; und er entschwand ihren Blicken. 32 Und sie sagten zueinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften eröffnete? 33 Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück und sie fanden die Elf und die mit ihnen versammelt waren. 34 Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen. 35 Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.


Bekanntgaben für das Kirchspiel Tann separat, vgl. auch Stadtanzeiger und besonders die Homepage: https://kirche-tann.de/.