Lese-Gottesdienst ‘Misericordias Domini’ 26.04.2020 Pfarrer Jonathan Stubinitzky


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Lesegottesdienst mit Liedpredigt für 2. Sonntag nach Ostern, Misericordias Domini / Sonntag des Guten Hirten, 26.04.2020, Kirchspiel Tann, 24.04.2020, J. Stubinitzky, Pfr.

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Bibeltext 1. Petrus 2, 18-25
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Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Womit haben wir das verdient?! Großveranstaltungen auf lange Zeit abgesagt. Masken in der Öffentlichkeit. Allmählich ‚verrückte Normalität‘. Polizei im Straßenbild; vielleicht fällt sie mehr auf als sonst; jetzt, wo wenig los ist. Strafen, bis auch der Letzte begreift: Wir sind in großem Unheil. Nicht schön, für niemanden. Womit haben wir’s verdient?

Als Psalmgebet habe ich für Sie Psalm 57 (V.2-12, Einheitsübersetzung 1980) ausgesucht:

Sei mir gnädig, o Gott, sei mir gnädig; / denn ich flüchte mich zu dir. Im Schatten deiner Flügel finde ich Zuflucht, / bis das Unheil vorübergeht. Ich rufe zu Gott, dem Höchsten, / zu Gott, der mir beisteht. Er sende mir Hilfe vom Himmel; / meine Feinde schmähen mich. / Gott sende seine Huld und Treue. Ich muss mich mitten unter Löwen lagern, die gierig auf Menschen sind. Ihre Zähne sind Spieße und Pfeile, ein scharfes Schwert ihre Zunge. Sie haben meinen Schritten ein Netz gelegt / und meine Seele gebeugt. Sie haben mir eine Grube gegraben; / doch fielen sie selbst hinein. Erheb dich über die Himmel, o Gott! / Deine Herrlichkeit erscheine über der ganzen Erde. Mein Herz ist bereit, o Gott, / mein Herz ist bereit, / ich will dir singen und spielen. Wach auf, meine Seele! / Wacht auf, Harfe und Saitenspiel! / Ich will das Morgenrot wecken. Ich will dich vor den Völkern preisen, Herr, / dir vor den Nationen lobsingen. Denn deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, / deine Treue, so weit die Wolken ziehn. Erheb dich über die Himmel, o Gott; / deine Herrlichkeit erscheine über der ganzen Erde.

Wir beten:
Lieber Himmlischer Vater,
Herr Jesus Christus,
Gott, Heiliger Geist,
Zuflucht, bis das Unheil vorübergeht. Das bietest du uns. Lob und Dank willst du von uns.
Wir bitten dich: Mache unser Herz bereit, dass wir dich loben können und von deiner Güte singen, weil du es mit uns zu einem guten Ende führen wirst.
Amen. 

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

„Mahnungen an die Sklaven“ – Wenn so die Schlagzeile in der Zeitung lauten würde, würden Sie weiterlesen?So jedenfalls lautet die Überschrift in der Lutherbibel über dem heutigen Predigttext. „An die Sklaven“. Wenn ich Ihnen das einfach so hingelegt hätte, hätten Sie dann bis zu dieser Zeile gelesen, heute, am Sonntag des Guten Hirten? Oder hätten Sie dann doch lieber zu was Besserem gegriffen als zu meiner Predigt?

Dem Sklaven stellt sich aber genau diese eine vorwurfsvolle Frage: ‚Ich bin nicht Herr der Lage. Womit habe ich das verdient?‘ Vom verdienten und unverdienten Übel redet der Erste Petrusbrief, Kapitel 2. Lesen Sie selbst; ich habe etwas mehr vom Zusammenhang abgedruckt:

Mahnungen an die Sklaven
18 Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen. 19 Denn das ist Gnade, wenn jemand um des Gewissens willen vor Gott Übel erträgt und Unrecht leidet. 20 Denn was ist das für ein Ruhm, wenn ihr für Missetaten Schläge erduldet? Aber wenn ihr leidet und duldet, weil ihr das Gute tut, ist dies Gnade bei Gott. 21 Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; 22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; 23 der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; 24 der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. 25 Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

Dieser Abschnitt geht an die Adresse von Sklaven, die es heute bei uns – so – nicht mehr gibt.

Eigentlich. Wir haben nur Herren, oder Leute, die sich für solche halten, und: die anderen. Den einen scheint es besser zu gehen als den anderen. Doch wir alle sind in großem Unheil, wochenlang, und viele fühlen sich oft genug wie ‚die anderen‘.

Auch später hat die Gesellschaftsordnung im Mittelalter davon regelrecht gelebt: Ein Herr hat diesen Rang, seine Gnade, von Gott empfangen. Deshalb nannte man’s auch ‚Gottesgnadentum‘. Währenddessen kommt uns der Erste Petrusbrief auch mit diesem Wort entgegen: Gnade. Ansonsten geht es aber um eines: das Gottes-Sklaven-tum. Der Sklave soll sich unterordnen, soll erleiden und ertragen, was er nicht ändern kann, sogar die seltsamsten Dinge, die ein Herr verordnet, auch ein noch so ‚wunderlicher‘.

Die Bibel stößt in dasselbe Horn und zwingt jetzt auch noch, dass wir das „gelassen hinnehmen, was wir nicht ändern können“, wie’s ein bekanntes Gebetswort ausdrückt. Zum Zwang gezwungen – brauchen wir dazu noch die Bibel? Soll sie uns doch trösten, statt uns nur noch mehr an das unersättliche Übel zu erinnern und uns in eine Rolle zu zwingen, aus ferner Zeit! Bei uns gibt es keine solchen Sklaven; wir haben nur Herren und die anderen. Suchen Sie sich aus, wer Sie in der Krise sein möchten!

Es schwebt ein Übel aller darüber, und nebenbei kann man sich fragen: Ist Gott noch Herr der Lage, oder möchte er’s gar nicht mehr sein? Kann er nicht oder will er nicht?

Soviel steht fest: Herren und Sklaven; beides kommt von Gott. Wenn uns das Übel auch unendlich vorkommt, Gott kennt es, der gleichzeitig unser ‚Guter Hirte‘ ist. Daran soll uns dieser Sonntag erinnern: Gott tröstet uns unendlich, und ist gleichzeitig der, der unsere Seelen versorgt. Denn „ich flüchte mich zu dir. Im Schatten deiner Flügel finde ich Zuflucht“ (Psalm 57,2). Sind Sie bereit, das zu lesen? Sind Sie bereiter, das zu hören?

Wir hören an dieser Stelle gemeinsam ein Lied:

Sklaven und Herren, einer so sehr in großem Unheil wie der andere, im Übel bleibt uns nichts anderes übrig als Gott zu loben: Womit haben wir das verdient?

Die Frage nach Herren und Sklaven, und dass in großem Unheil viele ‚in gleicher Verdammnis‘ sind, dass wir alle irgendwo Sklaven sind, Knechte des Übels unserer Zeit sind, alles das führt uns nicht allein in die Zeit des Ersten Petrusbriefs. Umwälzungen einer neuen Epoche, großes Unheil unverdientermaßen – das hat die evangelische Kirche seit ihren ersten Tagen kleinklein beschäftigt, deren ‚Herren‘ (ohne dass sie’s unbedingt sein wollten) mit Versammlungsverboten zur Genüge Erfahrung hatten. Von damals wissen wir:

Übel als Strafe für’s eigene Tun und Lassen ist keine Kunst: Abstandsregel, Maskenpflicht, ein abgespecktes öffentliches Leben. – Wer sich nicht dran hält, dem drohen Bußgelder, und der produziert Schlagzeilen, zumindest gegen sich selbst. Das ist im Ersten Petrusbrief logisch, und hat seine Gründe. Das trifft Knechte wie Herren.

Verwandte, Nachbarn, vermeintliche Freunde – da kann es passieren, das eins ums andere mit selbstergriffenen Maßnahmen und gegenseitigen Anzeigen noch schnell die Rolle tauscht: Knecht oder Herr? Die Frage ist nur: Wird mein Gewissen davon leichter oder schwerer? Lieber das eine oder das andere leiden?

Aber das unverdiente Übel empfangen und das Unheil am Leibe ertragen, für das wir aber auch gar nichts können, das ist „Gnade bei Gott“. Es aushalten, aushalten, aushalten wie Gottes Knecht am Holz, das ist Nachfolge in Jesu Fußstapfen, und führt zu Gnade, ganz gewiss.

„Denn was ist das für ein Ruhm, wenn ihr für Missetaten Schläge erduldet? Aber wenn ihr leidet und duldet, weil ihr das Gute tut, ist dies Gnade bei Gott.“ Wenn ich mir unverdient den Virus einfange, wenn ein anderer irgendwo die Tröpfchen verteilt, nicht desinfiziert, und so weiter, dann mag mich gewiss die Frage treiben: „Lieber wollte ich anderen dienen; jetzt ‚dient‘ mir die Krankheit“. Unverdient? – Doch was wären wir für Knechte, wenn sich unser Herrgott nicht erst recht von Kranken loben lässt? Denn durch Wunden, Krankheit und Tod hat sich bekanntlich unser Herr Jesus zum Knecht geschwiegen; nicht durch die Klage: „Womit hab‘ ich das verdient?“ Na und?

Und was hindert Gott, dass er sich vom helfenden Verwandten, Nachbarn, Freund dankbar loben lässt, wo’s doch Jesus Christus selbst geboten hat? Na und?

Egal, wer hier welches Los hat: Wer dran glaubt, ordnet sich „in aller Furcht“ unserem Gott unter. Knecht von Gottes Los sein, auch in diesem Unheil: So wird der Herr über alles Übel auch dieses eine große Unheil vorüberziehen lassen.

Für Jesus Christus war alles Unheil unverdientes Übel, erst recht das, was wir ihm antun, jeden Tag, wenn wir lieber rechnen, selbstherrlich abwägen und fragen: „Womit haben wir das verdient?“, statt zu vertrauen, ihm in Demut zu glauben, und seine Gnade zu empfangen.

Wir Träger vom Holz Christi halten uns ja nicht an Abstandsregeln, WEIL es Strafen gibt, sondern weil Gott uns auch damit Gnade walten lässt. Auch das ist zu glauben, dass mit Beschränkungen durch andere Gott Gutes tut, scheint es auch manchmal noch so wunderlich. Gottes Gnade aber kommt in dieser Zeit ganz gewiss durch eins: Aushalten, Aushalten, Aushalten, in Jesu Namen.

Wer sich selbst jetzt noch ‚Herr der Lage‘ fühlt, den können nur Bußgelder, Strafen und andere repressive Dinge zum Knecht machen, und das ist keine Kunst. Genauso wie Strafe nur maßregeln kann, und doch nicht retten, heilen, „der Gerechtigkeit leben“ lassen.

Aber wer an die Gnade Jesu Christi glaubt, dem regiert Gott das Gewissen. Das ist der Unterschied zwischen gezwungenermaßen und freiwillig.

Knecht oder Herr? Wer der Gnade Jesu Christi in diesem Unheil glaubt, auf dem liegt einzig und allein die Knechtschaft für diesen Gott, ob er das öffentliche Leben mit Ach und Krach am Laufen hält, oder ob ihn die Krankheit das Alleinsein vor dem Herrn lehrt.

Knecht oder Herr, so oder so, an beiden hinterlässt kein Übel dieser Welt irgendeinen Schaden. Das ist Gottes-Gnaden-tum. Selbst für uns, im 21. Jahrhundert, fällt noch etwas davon ab, für alle und jeden.

Vielleicht doch dem Übel entfliehen? Hören wir noch einmal aus früherem Jahrhundert: Es wird berichtet, wie Martin Luthers Witwe versuchte, in Not und Krankheit von Wittenberg nach Torgau zu fliehen. Sie kam auch weg, aber sie hatte die Rechnung ohne einen Unfall unterwegs gemacht. Denn nein, sie starb nicht an der Pest, aber wenig später an einem Knochenbruch. – Unverdientes Übel hängt uns in den Gliedern, es verfolgt uns bis zum ‚äußersten Meer‘. Wollten wir uns in ein Bergwerk einmauern oder ins Weltall ‚abseilen‘, so wartete doch nur der nächste Holzweg auf uns. Darum flüchtet sich allein zu Gott meine Seele, und „im Schatten deiner Flügel finde ich Zuflucht, bis das Unheil vorübergeht.“

So frage ich Sie: Kann es etwas Heilsameres geben, als in dieser Krankheitswelle einzig und allein Knecht Gottes zu sein? / Kann es etwas Schöneres geben, als in der Wunderlichkeit dieser Weltgeschichte Gott seinen Herrn zu nennen? / Kann es etwas Gnädigeres geben, als den Gott, der uns zu seinen Knechten gemacht hat, bevor irgendetwas anderes nach uns greift?

Sind wir dazu bereit? Gemeinsam in und mit der Kirche Jesu Christi Gottes Knechte sein: Das hätten heute zahlreiche Konfirmanden, hier und im ganzen Land, vor dem allmächtigen Herrn versprochen und geantwortet mit den Worten: „Ja, wir sind bereit.“ Ja, liebe Gemeinde, Gottes Knechte sein, sind wir dazu bereit? Dann lassen Sie uns hören (und mitsingen) und so beten: „Mein Herz ist bereit …“:

(Alternativ können Sie den o. g. Psalm erneut lesen.)

Fürbittenvorschlag

Vater im Himmel, allmächtiger Gott,

wir sind deine Knechte, wo wir miteinander, füreinander und selbst kämpfen, um Leben, Gesundheit und Kraft.

Lob und Dank sei dir für die, die jetzt gesund und heil geworden und durch deine Gnade die Immunität empfangen haben.

Wir sind deine Knechte, in großen und kleinen Entscheidungsspielräumen in Aufgabe, Verwaltung, Amt: Sieh sie an, unsere persönliche Not, und was daran hängt.

Lob und Dank sagen wir dir, dass du uns so lange durchgetragen hast, und dass du bei uns bist, wenn Lichtblicke eines gewohnten Alltags auf uns warten.

Wir sind deine Knechte im Lichte deiner großen Gnade, wo wir uns nach Kräften helfen und umorganisieren, weil dein Heiliger Geist unser Gewissen treibt.

Lob und Dank sagen wir dir, dass auch in diesen Wochen niemand deiner Gnade entkommen muss und kein Fehler, Leid und Versagen endgültig sein wird.

Stilles Gebet / Vaterunser / Segen

Der Herr segne dich und behüte dich; / der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; / der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Amen.

Ich danke auf diesem Weg noch einmal den Beteiligten für die Bereitstellung der musikalischen Grüße und die Aktion „Segen To Go“, der ich mich hierin angeschlossen habe.
Ihr
Jonathan Stubinitzky




Bekanntgaben für das Kirchspiel Tann separat, vgl. auch Stadtanzeiger und besonders die Homepage: https://kirche-tann.de/.

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