Lese-Gottesdienst ‚Karfreitag‘ 10.04.2020 Pfarrer Jonathan Stubinitzky


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Predigt zu 2. Mose 5 + 11 – Karfreitag

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Lesegottesdienst für Karfreitag, 10.04.2020, Pfarrer Jonathan Stubinitzky

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Abschnitte als Lesung aus dem 2. Buch Mose (5,3.9;11,4.5)

3 [Die Ägypter] sprachen: Der Gott der Hebräer ist uns begegnet. Wir wollen nun hinziehen drei Tagereisen weit in die Wüste und dem HERRN, unserm Gott, opfern, dass er uns nicht schlage mit Pest oder Schwert. –

9 Man drücke die Leute mit Arbeit, dass sie zu schaffen haben und sich nicht um falsche Reden kümmern. –

4 [Gott spricht:] Ich bin der HERR und will euch wegführen von den Lasten, die euch die Ägypter auflegen, und will euch erretten von ihrem Frondienst und will euch erlösen mit ausgerecktem Arm und durch große Gerichte[.] –

5 So spricht der HERR: Um Mitternacht will ich durch Ägypten gehen, und alle Erstgeburt in Ägyptenland soll sterben.

Gebet:
Herr Jesus Christus,
wo zwei oder drei versammelt sind in deinem Namen,
da bist du mitten unter ihnen; so hast du gesagt.
Mehr als zwei oder drei geht oft nicht. Dieses Jahr, am Karfreitag.
Höre erst recht mein Gebet, wenn ich allein zu dir rufe!
Danke, dass du da bist, und redest zu allen deinen Gläubigen, in dieser Zeit.
Dafür öffne uns die Herzenstür, damit dein Heiliger Geist uns vereinigt im Gebet.
Amen.

Liebe Gemeinde unter dem Kreuz unseres Herrn,

wie lange noch Einschränkungen? Regeln lockern oder verschärfen? Welche Gratwanderung ist’s? – In Ägyptenland herrschen schon lange ‚gesellschaftliche Spannungen‘. „Wir wollen […] unserm Gott, opfern“, heißt es da. Aber sie dürfen nicht. Einschränkung der Religionsfreiheit. Das Volk Israel hier, die politische Führung des Landes dort; dazwischen Mose und Aaron. Am Ende begegnet uns eine Geschichte in der Bibel, da bekommt das Volk Israel Ausgangssperre. Aber von Gott höchstpersönlich. Es ist die Stelle, als Gott Israels Bedrücker mit Plagen schlägt. Während sie Abend und Nacht unter sich bleiben müssen, gilt „Und keiner von euch gehe zu seiner Haustür heraus bis zum Morgen.“ (2. Mose 12,22).

Lesen wir an dieser Stelle den Predigttext zum Karfreitag aus 2. Korinther 5,14-21:

14 Denn die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben, dass einer für alle gestorben ist und so alle gestorben sind. 15 Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und auferweckt wurde. 16 Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. 17 Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. 18 Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. 19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. 20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! 21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Unsere Plage: Bei EINEM hat das Virus angefangen – und ALLE haben was davon: die Großen, die Kleinen, die Alten, die Jungen, die Kranken, die Gesunden – alle spüren dieser Tage etwas, und wenn es nur ‚Notlügen‘ sind, weil sie manchmal das letzte Mittel zur Beruhigung scheinen: „Es wird schon wieder alles normal werden“ – ja wissen wir’s denn?!

Unversöhnt mit Gott. Die Ägypter ziehen den Kürzeren. Nicht nur eine, nein, zehn Plagen. Jedesmal wird das Herz des Pharao verstockt. Er tut nicht, was er soll. Eine Plage schlimmer als die andere: Von Klimawandel bis Krankheit ist alles dabei. Jetzt schlägt Gott ein letztes Mal zu: Tötung der Erstgeburt. In JEDER Familie ein Toter. Kein Haus ohne Leiche. Die Bestatter: alle Hände voll zu tun. Die Leichenhallen voll. Die Friedhöfe zu klein. Wer hält das aus? Die Staatsanwaltschaft hinterher. Wer hätte hier was verhindern können?

Kein Haus ohne Leiche, damals in Ägypten. KEIN Freundeskreis, der noch komplett ist, KEIN Stammtisch, der noch rund ist, KEINE Gruppe, wie es immer war.

Corona?! – Ob es in der letzten Plage, bis jetzt, auch nur EINE Familie geben wird ohne Sterbefall, in manchen Landstrichen? Von denen, die allein leben und allein sterben müssen ganz zu schweigen. Oder die in Flüchtlingslagern das empfangen könnten, was alle angeht, und was sich doch niemand wünscht. Stellvertretend für die Versäumnisse anderer? Als ob der Gott Israels das nicht wüsste. Aber wer mit ihm versöhnt ist, braucht nicht länger Knecht zu sein. Gott erlöst „durch große Gerichte“. Das erleben wir zurzeit.

Während wir scheinbar geplagt werden, während unser Alltag von Beschränkungen reden macht, während wir nicht so aus uns heraus gehen können, wie wir gern würden – währenddessen geht EINER vorbei: Gott selbst.

„Und keiner von euch gehe zu seiner Haustür heraus bis zum Morgen.“ – ‚Und keiner von euch komme am Ostersonntag in die Kirche‘, heißt es anderswo. Oder: Rausgehen ja, versammeln nein. Die Ereignisse überschlagen sich. Was heute gilt, ist morgen wieder falsch. Was für ein Drama!

Doch hinter verschlossener Tür beginnt für Israel das Fest seiner Befreiung. Das Passahfest. Zunächst hausweise. Im Kleinen. Alles frisch zubereitet, nichts darf übrig bleiben. Keine Konserven, von Hamstern keine Spur. In Hast und Eile sollen sie essen, während Gott draußen vorbeigeht und Gericht hält. Doch wo das Blut des Passahlammes an Türschwelle und pfosten ist, verschont Gott von der letzten aller Plagen (2. Mose 12,22f.).

Die Israeliten sollen sich solange auf die Flucht vorbereiten, mit der Gott sie von ihrer eigentlichen Plage befreit, und das ist genau eine einzige: Sie heißt Knechtschaft. Gott erlöst sie zu Gesegneten. Am Ende wird Israel ein Lied von der Befreiung singen.

Liebe Gemeinde,

in Israel geht uns der treue Gott voraus. Seitdem sind wir Christen für JEDE Krise gewappnet.

Solange wir Ostern zwischen nichts als Konserven feiern, kennen wir uns nur nach dem ‚Fleisch‘, wie Paulus es nennt. Unser eigentliches Problem ist unsere Sinnkrise, und zum leibhaftigen Zeichen dafür wird Klopapier – ausgerechnet. Was manche zum Leben brauchen und wessen Knechte wir sind!

Im Leiden Jesu plagt sich Gott mit unserer Knechtschaft herum, und die heißt Schuld und Sünde: Alles haben wollen, alles machen wollen, alles selbst bestimmen, wenn’s drauf ankommt, sich Kraft und Vitalität ein Leben lang einreden, und dann umso verblüfft feststellen, dass ein kleiner Virus reicht, und dieses Kartenhaus endet in einem einzigen Desaster. Wer das nicht einsieht, aus dem kann nur Konserve werden. Konserve im Glauben statt Vertrauen auf den lebendigen Gott. ‚Verstockung‘ heißt das in der Bibel. Doch Gott sei Dank malt uns dieser Gott vor Augen, wie Versöhnung geht. Mitten in der Plage. 

Denn als Erlöste unseres Herrn wissen wir ganz genau: Da draußen am Türpfosten klebt das Blut Jesu Christi, des Lammes Gottes. Heute, am Karfreitag, umso mehr. Jesu Kreuz ist die letzte Plage für unser verstocktes Herz, und sein Gericht gilt unserem ‚Fleisch‘: Nicht glauben, dass Gott jetzt bei uns ist, uns von allem Übel verschont, uns mit allem Nötigen versorgt, und zu allem Guten erlöst. Auch die Tausenden, die das Virus nicht überleben, die Ärmsten der Armen, die Schwächsten der Schwachen, die, die mit denen Gott uns vor Augen malt, dass wir es nicht sind, die einander erlösen könnten.

Und während wir die Beschränkungen „nach dem Fleisch“ sehen, leben und leiden, schlägt Gott damit unsere Verstockung:

Es muss nicht bleiben, wie es immer war. Wir Christen sind ungesäuert. Wir sind nagelneu. Immer frisch zubereitet, wie ein Leben mit Gott es verdient, gelebt zu werden, in dieser Zeit und bis hinein in seine kraftvolle und vitale Ewigkeit. Dazu gehört auch, Tag für Tag bereit zu sein, wenn Gott uns ruft, denn der Tag kommt noch früh genug, dass wir für immer zur Tür hinaus müssen.

Dazu sollen wir im Glauben kraftvoll und vital sein: „Darum schafft den alten Sauerteig weg, auf dass ihr ein neuer Teig seid, wie ihr ja ungesäuert seid. Denn auch unser Passalamm ist geopfert, das ist Christus.“, schreibt Paulus woanders (1. Korinther 5,7).

Hinter den Türen Israels beginnt in Wahrheit ein Fest. Die Passahfeier nimmt die Befreiung aus Ägypten vorweg, und seitdem Israel gedenkt Israel seiner Befreiung. Im Kreuz unseres Herrn besiegt Gott schon jetzt den Tod mit dem Leben, und wenn noch irgendetwas Sterbliches an uns ist, dann doch nur das ‚Fleisch‘; das Letzte, das für ein Leben mit Christus an uns absterben muss, und mit ihm die Sünde, unsere einzige große Plage. So sind wir Christen für JEDE Krise gewappnet. Unser Gott sieht JEDE Krise voraus, und er hat JEDE Plage längst schon durchlitten.

Ein für allemal hat Gott die Krise seines Sohnes genutzt, um für uns das Beste zu tun. In JEDER Not geht er voraus, um uns zu versorgen. Erst recht, wenn zum ersten Mal seit Menschengedenken die Religionsfreiheit im Lande beschränkt ist. Wie war es doch gleich mit dem Opfer Israels in Ägypten?

So lange lasst uns kleiner, mit Weniger und mit mehr Dankbarkeit in diesem Jahr Gott opfern. Wir können es. Wir dürfen es. Lasst uns aus der Klage ausziehen und Gott im Leid von Herzen Dank opfern. Zuhause, womöglich allein, hinter verschlossenen Türen, bedrängt von Qual und Ungewissheit: Wen dort dieser Tage seine Kraft verlässt, der darf wissen: Gott handelt an ihm, weil Gottes Sohn schon längst seine Kraft verlassen hatte, und doch hat er sie von seinem Vater im Himmel neu empfangen. „Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ ‚Lieber Himmlischer Vater, danke.‘

Darum können wir unterm Kreuz mehr denn je das Beste aus der Lage machen: „Denn die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben, dass einer für alle gestorben ist und so alle gestorben sind. Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und auferweckt wurde.“ So fängt Paulus an.

Bei EINEM hat das Virus angefangen – und ALLE haben die Plage davon. Bei EINEM hat Gott die Gerechtigkeit aufgerichtet – und ALLE dürfen sich bei seiner Versöhnung anstecken: neu gemacht. Befreit von Schuld und Sünde auf Zeit und Ewigkeit. 

Ein für allemal hat Gott es vollbracht. Und durch unser Zeugnis, als Lebende und als Sterbende, predigt eines die Versöhnung mit diesem Gott: unser Christenleben das in dieser Zeit beginnt, und doch nie wird aufhören, in Gottes Ewigkeit. Es predigt denen, die leiden, weil sie mit Christus leiden. Es predigt denen, die erlöst sind, weil er sie erlöst hat.

So gilt für uns nicht mehr die Frage, ‚Wer hätte was verhindern können?‘. Es gilt das heilige und barmherzige „Wort von der Versöhnung“, das da lautet:

Wer hat dich so geschlagen,

mein Heil, und dich mit Plagen

so übel zugericht‘?

Du bist ja nicht ein Sünder

wie wir und unsre Kinder,

von Übeltaten weißt du nicht.

Ich will ans Kreuz mich schlagen

mit dir und dem absagen,

was meinem Fleisch gelüst‘;

was deine Augen hassen,

das will ich fliehn und lassen,

so viel mir immer möglich ist.

Ich bin, mein Heil, verbunden

all Augenblick und Stunden

dir überhoch und sehr;

was Leib und Seel vermögen,

das soll ich billig legen

allzeit an deinen Dienst und Ehr.

Paul Gerhardt 1647 (EG 84,2.12.7)

Amen.

Fürbittenvorschlag

Jesus ruft am Kreuz, was seine einzige Plage ist: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Psalm 22,2)

Wir bitten in seinem Namen durch den Heiligen Geist und beten mit Worten aus Psalm 130:

Aus der Tiefe rufe ich, HERR, zu dir. Herr, höre meine Stimme! Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!

Herr, du siehst unsere ganz persönliche Not, unsere Ängste, die Plage des heutigen Tages und der nächsten Zeit. Wir bitten dich: Wende sie an uns zum Guten, damit unser Leben denen die Erlösung predigt, die sündig oder unschuldig an Leiden, Sterben und Blutvergießen zerbrechen.

Wenn du, HERR, Sünden anrechnen willst – Herr, wer wird bestehen? Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.

Wir bitten dich für alle, die in dieser Plage schwere Entscheidungen treffen müssen. Vergib Schuld, gib Hoffnung, richte, was wir nicht ausrichten können, und lass die, die anderes wichtiger nehmen als das Wort vom Kreuz, durch die Krise Umkehr erfahren.

Ich harre des HERRN, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort. Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen; mehr als die Wächter auf den Morgen hoffe Israel auf den HERRN!

Himmlischer Vater, du kennst die sehnlichsten Erwartungen nach einem Ende der Krise: ausgehen wie früher, treffen, einander in die Arme schließen, Dankbarkeit zeigen, das Osterfest des neuen Lebens feiern. Bis dahin lass uns auf dich allein hoffen.

Denn bei dem HERRN ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm. Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.

Stilles Gebet

Vaterunser

Segen

So segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Amen.


Bekanntgaben für das Kirchspiel Tann separat, vgl. auch Stadtanzeiger und besonders die Homepage: https://kirche-tann.de/.