Lese-Gottesdienst ‚Jubilate‘ 3.5.2020 Pfarrerin Heike Dietrich


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Lesegottesdienst für 3. Sonntag nach Ostern, Jubilate, 3.5.2020, Kirchspiel Tann, Pfarrerin Heike Dietrich

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Predigt zu Joh 15,1-8

Liebe Gemeinde!

Von einer Begegnung möchte ich zunächst erzählen wie wir Pfarrerinnen und Pfarrer sie manchmal erleben:

Ich mache einen Besuch zum 90igsten Geburtstag. Die alte Dame trägt ein Kostüm, das ihr gut steht. Die Haare sind festgesteckt und sie trägt eine Kette. Sie freut sich über den Besuch und erzählt: „Wissen Sie Frau Pfarrer es war nicht immer leicht. Mein Mann ist früh gestorben, da waren die Kinder noch klein. Ich stand alleine da und musste sehen, wie wir über die Runden kommen. Und dann ist mein Ältester gestorben. Mit Anfang 40. Glauben sie mir, das hängt mir heute immer noch nach.“ Sie trinkt einen Schluck von ihrem Geburtstagskaffee und rückt ihre Brille zurecht. „Auch wenn es manchmal schwer war, will ich keinen Tag missen. Das Leben ist so kostbar. Und wissen sie was mir immer – besonders auch in schweren Zeiten – Kraft gegeben hat? Dass ich Gottesdienst feiern konnte.“ Soweit die kleine Begebenheit.

Gottesdienste feiern, zusammenkommen als Gemeinde, Gottes Wort hören, gemeinsam singen und beten. Das ist momentan, was vielen Menschen fehlt. Noch nie in der Kirchengeschichte gab es eine Zeit – nicht in Kriegszeiten, nicht in den vergangenen Pandemien – wo Gläubige sich nicht in der Kirche versammeln konnten um Trost zu finden und sich in der Gemeinschaft der Glaubenden aufgehoben zu wissen. Gott geht mit uns – besonders auch durch die finsteren Täler unseres Lebens – so erzählt die Bibel. Es ist auch bei und, wenn wir alleine zuhause sind. Dennoch spüren vielen Menschen momentan wie sehr ihnen die Gemeinschaft mit anderen fehlt, ein Gespräch, die Nähe und auch mal in der Arm genommen zu werden. Menschen, die momentan im Krankenhaus sind oder in den Seniorenheimen fehlt die Verbindung zu Angehörigen und Freunden. Ihnen geht es schlechter, sie brauchen mehr Medikamente, werden nicht so schnell gesund, weil die Zuwendung von anderen die Heilung unterstützt, ja selbst wie ein Heilmittel wirkt – so erzählt ein Arzt.

So sind wir Menschen gemacht, auf Gemeinschaft hin, wir brauchen die Verbindung zu anderen, damit es uns gut geht, am Ende auch, damit wir überhaupt lebensfähig sind. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ So heißt es ganz am Anfang der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte. Wir können eine Zeit lang alleine zurechtkommen, spüren aber, wenn es länger dauert, wie wir verdorren, wir Pflanzen, die den Zugang zur lebensspendenden Quelle verloren haben. Wie Reben, die verdorren, weil sie keine Verbindung zum Weinstock haben.

Davon, dass wir die Verbindung zu Gott brauchen,  in ihm auch untereinander verbunden sind und dadurch unser Leben heil wird und gelingt, davon erzählt der Predigttext für den Sonntag „Jubilate“ am 3.Mai:

Text Johannes 15,1-8: Der wahre Weinstock

1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Wir vergessen oft, wovon wir leben, was eigentlich unsere Lebensquellen sind, wenn wir mitten im Gewühl stecken, unserer Arbeit nachgehen und versuchen, unsere Aufgaben in Familie und Beruf so gut wie möglich zu meistern. Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit gelten heute viel. Der ist angesehen, der aus eigener Kraft und Unabhängigkeit Erfolg hat. Von anderen abhängig sein und auf andere Hilfe angewiesen sein gilt als Zeichen der Schwäche. Das macht unsere momentane Lage so schwer: Einerseits sind wir auf uns selbst zurückgeworfen, wir sollen so wenig Kontakt wie möglich zu anderen haben. Gleichzeitig aber spüren wir wie sehr wir aufeinander angewiesen sind und dass viele alleine gar nicht mehr so gut zurechtkommen.

Weltweit sind wir in dieser Schicksalsgemeinschaft verbunden. Die vermeintlich Starken merken jetzt, dass wir auch Verantwortung tragen für die, die weiter weg sind, wenn wir diese Krise meistern und die Krankheit besiegen wollen. Das ist eine gute Nachricht und eine wichtige Erkenntnis. Jesus meint aber in diesem Abschnitt seiner Abschiedsreden noch etwas anderes: Alle, wir alle, die wir leben, leben aus der Gnade Gottes, der Verbindung zu ihm und nicht aus uns selbst heraus. Wir schöpfen aus den Quellen, die er uns auf dieser Erde gegeben hat. Wenn wir uns davon abschneiden, verdorren wir und unser Weiterleben steht in Gefahr. Diese Verbindung zu Gott, der Glaube an seinen Sohn, der uns den Weg zum Vater gezeigt hat und die Wege, die wir auf dieser Erde gehen sollen ist das, wovon wir leben.

Sehr stark, so stark wie nie zuvor, spüren wir wo unsere Kraft- und Lebensquellen eigentlich liegen: In der Gemeinschaft mit anderen Menschen, mit denen wir uns verbunden fühlen und in der Verbindung zu Gott, der uns im Glauben hält. Nicht immer, aber doch passiert es mir und vielen anderen auch: Wenn wir uns im Glauben versammeln und Jesus im Gebet in unsere Mitte einladen, dass wir ganz deutlich merken: Wir gehören zusammen wie die Weintrauben am Rebstock und die Verbindung ist sehr stark. Was uns dann verbindet und Kraft gibt ist Jesu Gegenwart. Mir selbst geht es oft bei der Feier des Abendmahls so, dass ich momentan sehr vermisse.

Wir spüren: Was auch geschieht in unserem Leben, auch in Schicksalsschlägen wie sie die alte Dame berichtet, ist Gott an unserer Seite. Und im Glauben bleibt keiner für sich und alleine. Wir sehen dann, was der andere braucht und welche Wege wir gemeinsam gehen müssen, wir sorgen füreinander. Die Gemeinschaft mit Gott und die Verbundenheit unter den Menschen ist eine starke Medizin. Viel davon fehlt momentan in diesen Zeiten der Trennung. Die Pandemie erreicht nun mit Verzögerung auch Afrika. In vielen Ländern dort sind die Menschen es noch mehr gewohnt, zusammenzustehen und in Gemeinschaften mit starker Verbindung untereinander zu leben. Einzelkämpfertum ist nicht so verbreitet wie bei uns.

Es gibt ein altes afrikanisches Sprichwort: „Der Mensch ist die beste Medizin für den Menschen.“ Auf so vielfältige Weise versuchen Menschen momentan den Kontakt, den wir alle brauchen, aufrecht zu erhalten, online, am Handy, über den Gartenzaun.

Denn so sind wir: Wir leben nur in der Verbindung zu anderen und zu dem der, der Weinstock ist. Dazu gibt es einen schönen Text vom Wilhelm Wilms, den ich am Ende zitieren will:

„Wussten Sie schon, dass die Nähe eines Menschen gesund machen, krank machen, tot und lebendig machen kann? Wussten sie schon, dass die Nähe eines Menschen gut machen, böse machen, traurig und froh machen kann? Wussten sie schon, dass das Wegbleiben eines Menschen sterben lassen kann, dass das Kommen eines Menschen wieder leben lässt? Wussten sie schon, dass die Stimme eines Menschen einen anderen Menschen wieder aufhorchen lässt, der für alle taub war? Wussten sie schon, dass das Wort oder das Tun eines Menschen wieder sehend machen kann einen, der für alles blind war, der nichts mehr sah, der keinen Sinn mehr sah in dieser Welt und in seinem Leben? Wussten sie schon, dass das Anhören eines Menschen Wunder wirkt und das Wohlwollen Zinsen trägt, dass ein Vorschuss an Vertrauen hundertfach auf uns zurückkommt? Wussten sie schon, dass tun mehr ist als reden? Wussten sie das alles schon?

Gebet

Herr, unser Gott, die Verbindung zu dir hält uns am Leben. Begleite und auch in dieser Zeit. Lass besonders die Kranken und Sterbenden die Verbindung zu dir spüren. Erfülle uns mit deinem Geist, der uns untereinander verbindet, dass wir uns stärken und trösten können als Schwestern und Brüder wie dein Sohn Jesus Christus es uns gelehrt hat.

Amen




Bekanntgaben für das Kirchspiel Tann separat, vgl. auch Stadtanzeiger und besonders die Homepage: https://kirche-tann.de/.